70. Filmfestival Locarno «Iceman»: Ötzi macht ernst

Als Ötzi in «Iceman» geizt Jürgen Vogel für einmal mit Worten. Anschauen sollte man sich den Film trotzdem.

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In Locarno: «Iceman»

1:09 min, vom 10.8.2017

Gross anders sah das alles gar nicht aus vor gut 5000 Jahren – wenn man «Iceman» Glauben schenken darf: Man besass ein Eigenheim, erfreute sich am Grillplausch, trauerte in organisierten Zeremonien um Verstorbene und musizierte zur Unterhaltung.

Nur mit der Intimsphäre sah man es nicht ganz so eng: Das Flötenspiel von Ötzi Junior und der Beischlaf der Eltern zu Beginn des Films finden simultan im gleichen Raum der Hütte ab. Es gibt ohnehin nur einen.

Oetzi blickt in die Ferne.

Bildlegende: «Iceman»: Jürgen Vogel ist Ötzi. pardo.ch

Jürgen Vogel spielt einen Protagonisten, der ein angesehenes Mitglied seiner Gemeinde ist. Er amtet als Zeremonienmeister auf Beerdigungen, hilft bei Entbindungen und adoptiert mit seiner Frau einen Säugling, dessen Mutter die Geburt nicht überlebt hat.

Als er eines Tages von der Jagd zurückkehrt, sieht er die gesamte Siedlung in Flammen aufgehen. Während er weg war, wurde das Dorf von drei Männern auf der Suche nach einem kostbaren Gut geplündert. Überlebt hat niemand – fast niemand. Nachdem Ötzi Frau und Sohn bestattet hat, bricht er auf, um sich an ihren Mördern zu rächen.

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Publikumsstimmen zu «Iceman»

1:18 min, vom 11.8.2017

Riskantes Experiment

Regisseur und Drehbuchautor Felix Randaus steinzeitliche Rache-Geschichte gelingt es, die Spannung über die gesamte Dauer des Filmes hoch zu halten. Das hat auch deshalb ein Lob verdient, weil man darauf verzichtet hat, die Ur-Variante des Rätischen, die im Film gesprochen wird, zu untertiteln. Das liegt wohl auch daran, dass die Sprache nur bedingt überliefert ist.

Damit ist der Zuschauer bei der Interpretation der Dialoge komplett auf Mimik, Gestik und Tonfall der Akteure konzentriert. In den Händen geringerer Schauspieler hätte sich diese Entscheidung rächen können.

Doch Randau wird für sein Wagnis belohnt – besonders von seinem Hauptdarsteller. Komplettiert werden diese Leistungen durch eine stellenweise bildgewaltige Inszenierung und einen interessanten Plot. Das ist nicht nur für Gelegenheits-Anthropologen und Rachefilm-Enthusiasten sehenswert.