«Ihr solltet alle Drogen nehmen»: Gaspar Noé in Locarno

Eigentlich wurde der argentinische Regisseur Gaspar Noé nach Locarno eingeladen, um über Musik im Film zu sprechen. Doch stattdessen plauderte er über seine Lieblingsdroge Opium, über Menschen, die er töten würde, und ein bisschen über Filme.

Gaspar Noé in Locarno.

Bildlegende: Provokateur, der es gerne auf die Spitze treibt: Gaspar Noé. Festival del film Locarno / Sailas Vanetti

Als «Regisseur, der etwas wagt» begrüsst Carlo Chatrian Gaspar Noé auf der Bühne. Und kaum da angekommen, wird der argentische Regisseur seinem Ruf gerecht: Er habe keinen Bock, über Musik zu sprechen. «Ich möchte lieber über Drogen sprechen», sagt er – und tut es. 90 Minuten lang und (wohl auch) breit.

Einen neuen Film zeigt Noé in Locarno nicht und über sein letztes Werk «Love» von 2015 mag er nicht sprechen. Das habe er ein ganze Jahr lang getan. Lieber spricht er über «Enter the Void»: «Diesen Film habe ich als 20-Jähriger in Paris geschrieben. Ich war auf Mushrooms. Nehmt alle Drogen! Auf Drogen sein ist toll.»

Zwei Menschen in einem Bett. Sie sind nackt.

Bildlegende: Sex in 3D: Szene aus «Love». Alchemy

Skandal um Skandal

Wer Gaspar Noés Filme kennt, hat in Locarno kein frommes Lamm erwartet. Noé, der mit zwölf Jahren mit seiner Familie nach Frankreich kam («Dort mögen sie kein Speed»), gilt als Skandalregisseur. Bereits mit seinem ersten Spielfilm «Seul contre tous», in dem ein verzweifelter, arbeitsloser Metzger beginnt, seine ihm unerträglichen Mitmenschen abzuschlachten, ging er an die Grenze des Erträglichen.

Doch dann machte er «Irréversible» und überschritt sie: Fast zehn Minuten lang zeigt Noé Monica Bellucci, die von einem Typen auf der Strasse auf brutalste Weise vergewaltigt wird.

Zuschauer verliessen das Kino massenweise. So unerträglich, so radikal war die Szene. «Ich würde den Typen töten, der meine Freundin vergewaltigt», sagt Noé in Locarno zum Film.

In Noés Gewalt

Eigentlich sind Noés Film so brutal, so geladen mit Gewalt, dass man sie nicht sehen will. Man tut es aber dennoch. Noés Filme sind anders. Er erzählt mal eine Geschichte rückwärts («Irreversible»), warnt die Zuschauer vorzeitig das Kino zu verlassen («Seul contre Tous»), nimmt den Zuschauer mit auf einen psychedelischen Drogentrip («Enter The Void») oder lässt den Zuschauer in 3D am Sexleben eines Paares teilhaben («Love»).

Der Skandal, Gewalt, Tod, Sex, die Drogen: Sie sind in seinen Filmen immer da. Aber auch eine Lust am Experimentieren mit der Erzählform, mit Bildern, mit Musik. Noés Filme sind ein Rausch in Bild und Ton. Sie sind immer unerwartbar, immer verstörend. So wie der Regisseur selbst.

Zwei Menschen in einem Raum mit farbigen Lichtern.

Bildlegende: Rausch ohne Ende: Szene aus «Enter the Void». Wild Bunch

Der beste Film auf Drogen

Man spürt in Locarno: Gaspar Noé mag es zu provozieren, liebt es, ein Enfant terrible zu sein. Doch manchmal schimmert er durch: der ganz normale Mensch, der Filme liebt. Wenn er etwa über sein Idol Dario Argento spricht oder von David Lynchs «Eraserhead» schwärmt.

«Mach nichts für Geld, was du nicht auch ohne Bezahlung tun würdest», gibt Noé dem Festivalpublikum auf den Weg. Man glaubt ihm. Noé lebt und liebt, was er tut. «Meine Filme zeigen die besten Momente meines Lebens, aber mein Leben ist etwas lustiger». Man will es hoffen. Der brillanteste Film auf Drogen sei übrigens «2001: A Space Odyssey». Am liebsten auf Opium. In diesem Sinne: Guten Trip, Gaspar Noé. Auf ein andermal.