«James White» ist zutiefst lebendig

Ein Film mit Mut zu Wut und Tristesse: Der im Wettbewerb in Locarno gezeigte «James White» von Josh Moon vermischt französische Nouvelle vague mit amerikanischem Indie-Kino.

Eine ältere Frau lehnt in einem Badezimmer an die Schulter eines jüngeren Mannes, dieser hält sich an der Wand fest.

Bildlegende: Hin-und-her-geworfen zwischen kopfloser Party und der kranken Mutter (Cynthia Nixon): James White (Christopher Abbot). Praesens Film

Die längste Zeit bleibt die Kamera auf dem Gesicht eines bärtigen jungen Mannes in einem Club. Er dröhnt sich mit Musik zu, überlagernd, hin und wieder geschnitten, im Bild, oder versetzt im Ton.

James White hat kürzlich seinen Vater verloren. Er lebt seit zwei Monaten bei seiner Mutter, pflegt sie durch ihren Krebs und ihre Einsamkeit. Als er mit seinem alten Freund loszieht ins New Yorker Nachtleben, mag die Mutter ihm den Ausbruch gönnen.

James ist arbeitslos und aufbrausend. Als er für ein paar Wochen zu seinem Kumpel in ein Ferienresort nach Mexiko geht, hat er ein schlechtes Gewissen – bis ihn ein verzweifelter Anruf seiner Mutter wieder zurückholt.

Der Film von Josh Moon erinnert mit seiner meist auf James fixierten beweglichen Kamera an den pseudo-dokumentarischen Stil der Dardenne-Brüder. Zugleich ist das amerikanisches Indie-Kino mit Mut zur Tristesse, zum Schmerz und der Wut. Ein wenig Cinéma directe, ein bisschen Nouvelle vague, aber unbestreitbar lebendig.

Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Filmfestival Locarno Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

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