«No Home Movie» will nicht gefallen

Regisseurin Chantal Akerman grenzt sich mit ihren Filmen stilistisch und inhaltlich bewusst von Bestehendem ab. Keine Überraschung also, ist ihr Locarno-Wettbewerbsfilm «No Home Movie» ungewöhnlich – gar eine Zumutung für den Zuschauer.

Ein Bildschirm zeigt eine Frau. Sie ist gerade am Skypen mit der Person, die das Foto gemacht hat.

Bildlegende: Formal eine Zumutung: In «No Home Movie» gibt es wenig «schöne» Kameraeinstellungen. Liaison Cinématographique

Chantal Akerman ist eine jener wenigen europäischen Filmemacherinnen, die sich schon ab Ende der 60er-Jahre einen bleibenden Namen geschaffen haben. Stilistisch, formal und inhaltlich hat sie sich stets radikal vom Bestehenden abgegrenzt. Jetzt ist die Belgierin 65 Jahre alt und präsentiert im Wettbewerb von Locarno einen Dokumentarfilm über ihre Mutter.

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Filmausschnitt aus «No Home Movie»

2:59 min, vom 10.8.2015

Hässliche Kameraeinstellung

Der Film ist eine bewusste Zumutung, nicht inhaltlich, da redet im wesentlichen Chantal Akerman mit ihrer todkranken Mutter in Brüssel am Küchentisch über die Familiengeschichte. Aber formal. Als Auftakt gibt es eine hässliche fünfminütige Kameraeinstellung auf zwei Bäume im Sturmwind in einer Wüstenlandschaft, inklusive rupfendes Windgeräusch am Mikrofon.

Später steht die kleine Digitalkamera irgendwo fix platziert, zeigt Akermans Rücken und die Mutter beim Reden. Oder sie filmt gleich den Notebook-Bildschirm, während sie sich von New York aus mit der Mutter über Skype unterhält. «No Home Movie» verkündet der Titel. Und die Bilder nehmen das ernst. Die wollen nicht gefallen.

Kein gewöhnlicher Abschiedsfilm

Es ist nachvollziehbar, dass Akerman nicht einen weiteren schönen, ausgewogenen Abschiedsfilm eines Filmemachers oder einer Filmmacherin mit Mutter oder Vater in die Welt setzen wollte.

Es leuchtet auch ein, dass sie den Bildern von ihrer Mutter, welche die Wohnung in Brüssel im Film nie verlässt und unterdessen gestorben ist, wütende, starre Bilder einer wütenden Landschaft oder aus dem fahrenden Auto entgegenmontiert.

Und es ist nachvollziehbar, dass die Position der Kamera in der Wohnung stets klar macht, dass da eine Kamera am Rand des Geschehens oder Gesprächs liegt und das mitschneidet.

Bestrafung der Zuschauer

Aber gleichzeitig wirkt gerade die Hässlichkeit des Bildausschnittes, die eindeutige Verweigerung jeder Ästhetisierung mit der Zeit wie eine Bestrafung der Zuschauer. Das ist wahrscheinlich nicht intendiert, es sei denn, ich soll als Zeuge gezwungen werden, die Wut der Filmemacherin über die Hilflosigkeit angesichts des Endes eines nicht nur schönen Lebens.

Wie auch immer das gemeint sein sollte, etwas gelingt diesem Film auf jeden Fall: Er liefert keine unserer gewohnten, hoffnungsvoll manipulativen Rechtfertigungen seiner Existenz mit. Das ist ein Augenöffner und ein Angebot zur Eigenständigkeit.