«Real»: Kurosawas fantastische Enttäuschung

Der neueste Film von Fantastiker Kiyoshi Kurosawa dürfte Fans japanischer Popkultur gefallen. Der Rest des Publikums dürfte von den schattenhaften Figuren und der schleppenden Inszenierung enttäuscht werden.

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«Real» (Trailer)

1:30 min, vom 16.8.2013

Kiyoshi Kurosawa hat eine eindrückliche Filmografie aufzuweisen. Und seine oft den Grenzbereich zwischen fantastischem Kino und Horror streifenden Filme waren immer wieder unterschiedlich eindrücklich.

Bei seinem jüngsten, jetzt im Wettbewerb von Locarno laufenden Effort konnte ich mir die Enttäuschung allerdings nicht verkneifen.

Der Originaltitel ist ausführlicher als das internationale – «Real» – «Riaru: Kanzen naru kubinagaryû no hi». Und die Geschichte, die der Film erzählt, ist durchaus fantastisch.

Spurensuche in einer virtuellen Welt

Koichi nimmt mit seiner im Koma liegenden Freundin mittels einer hochmodernen klinischen Technik – Sensing genannt – Kontakt auf. Koichi und Atsumi treffen sich in einer virtuellen Version ihrer eigenen Wohnung und versuchen herauszufinden, warum sich die Manga-Zeichnerin umbringen wollte.

Im internationalen Wettbewerb des Neuchâtel International Fantastic Film Festival war letztes Jahr «Vanishing Waves» von Kristina Buožyte zu sehen, ein ungleich innovativerer, optisch überwältigend einfallsreicher Film mit der gleichen Prämisse: Virtueller Kontakt über den klinischen Kurzschluss des Bewusstseins zweier Menschen.

Dort führt das zu einer intensiven, schliesslich gefährlichen erotischen Obsession des Probanden mit der schönen Frau im Koma.

Schattenhafte Figuren, «philosophische Zombies»

Bei Kurosawa sind die Dinge einfacher gestrickt: Zwar tauchen in der virtuellen Realität Elemente aus den Mörder-Mangas von Atsumi auf, welche Koichi bald auch in seiner Realität erschrecken. Und es gibt schattenhafte Schemen mit goldenen Gesichtszügen, welche realen Menschen gleichen, aber als «philosophical Zombies» bezeichnet werden: Harmlose Platzhalter für Menschen aus der Realität.

Kiyoshi Kurosawa in einem Gespräch. Im Hintergrund sieht man das gelb-schwarze Leoparden-Fell, das Markenzeichen des Filmfestival Locarno.

Bildlegende: Kiyoshi Kurosawa ist übrigens nicht mit dem japanischen Berufskollegen Akira Kurosawa verwandt. Keystone

Die Geschichte nimmt mindestens zwei überraschende Wendungen, die aber leider so überraschend dann auch wieder nicht sind. Schliesslich kennt man die Mechanismen und das Spiel mit virtuellen Identitäten mittlerweile gut genug. Das ist aber harmlos im Vergleich zur ziemlich lahmen Inszenierung und nicht sehr einfallsreichen Gestaltung des Films.

«Real» von Kiyoshi Kurosawa ist wahrscheinlich in der Nacherzählung spannender als im Kino. Und im Kopf des Zuhörers entstehen dabei ziemlich sicher spektakulärere Szenen, als sie der Film zu bieten hat. Für Manga-Fans und Freundinnen japanischer Popkultur dürfte der Film aber trotzdem genügend Reize bieten.