Realistisch und magisch zugleich - Schicksale in «Gare du Nord»

Fiktive Figuren, die real wirken und lange nachwirken. Claire Simon versammelt in ihrem Film unterschiedlichste Menschen und Phantome im Pariser «Gare du Nord». Ein Favorit für den Leoparden?

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«Gare du Nord» (Trailer)

1:50 min, vom 10.8.2013

Vor 27 Jahren machte der junge Luc Besson mit «Subway» eine Pariser Metrostation zu einem extrem lebendigen Ökosystem menschlicher Protagonisten und ihrer Geschichten. Nun gelingt dem Multitalent Claire Simon (von ihr stammt der brillante Dokumentarfilm «Coûte que coûte») eine fast dokumentarisch angelegte Ausweitung des Prinzips auf den Pariser Gare du Nord.

Soziologische Studien im «Gare du Nord»

Mathilde Delaunay (Nicole Garcia) sitzt am Tisch.

Bildlegende: Mathilde Delaunay (Nicole Garcia) ist eine der Figuren, die ihr Weg durch den «Gare du Nord» führt. Festival del film Locarno

Um zwei zentrale Figuren, die kranke Mathilde (Nicole Garcia) und den Soziologiestudenten Ismaël (Reda Kateb) herum schichtet Claire Simon ein grosses Knäuel locker verwobener Einzelschicksale. Ismaël macht im Auftrag der Métro RATP Passagierumfragen, um damit seine eigentliche Aufgabe zu finanzieren: Das soziologische Erfassen möglichst vieler der globalisierten Schicksale im Bahnhof.

Die Ausgangslage erlaubt es dem Film, unzählige realistische Geschichten von Menschen zu präsentieren und zugleich ganz langsam und unaufdringlich einen wahrhaft magischen Realismus zu entwickeln, in dem auch Bahnhofsgespenster und andere Phantome Platz haben.

Packend von der ersten Minute an

«Gare du Nord» ist zwar ganz klar geschrieben und konstruiert. Aber die Menschen, die der Film vorstellt, die wirken real. Und sie wirken nach. Ein Vorbild für den Film könnte durchaus der dreiundachtzig Jahre alte Halb-Dokumentar- Klassiker «Menschen am Sonntag» von Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer sein.

Joan (Monia Chokri) steht im Bahnhof.

Bildlegende: Joan (Monia Chokri) verbringt ihr Leben zwischen Lille, London und Paris. Festival del film Locarno

Arbeitslose und Heimatlose, Ausreisserinnen und Herumhänger, Kranke, Verliebte und Polizisten, ein Vater auf der Suche nach seiner Tochter, Aktivisten und Proteste, Selbstmörder, Verrückte und Wachpersonal, Verkäuferinnen und Kellner, Immigranten und Sans-Papiers – sie alle passieren den Bahnhof, arbeiten da, leben da, oder sterben. Das packt einen von der ersten Minute an und verkommt dennoch nie zu einem dieser perfekt totgeschriebenen Spielfilmsysteme, wie sie Hollywood mit «Crash» oder ähnlichen Publikumserfolgen durchexerziert hat.

Ein Favorit

Müsste man denn einen modernen Vergleich wagen, käme am ehesten noch Robert Altmans «Short Cuts» in Frage, dem aber Claire Simon nun auch noch die relative Einheit des Ortes voraus hat.

«Gare du Nord» ist der erste grosse Leopardenkandidat im diesjährigen Wettbewerb von Locarno.