Werner Herzog: Blicke in den Abgrund

Am 66. Filmfestival von Locarno wird der deutsche Regisseur Werner Herzog mit einem Ehrenleoparden geehrt. Als Weltpremiere zeigt er vier neue Folgen seiner TV-Serie «On Death Row», in der er mit zum Tod verurteilten Häftlingen spricht.

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Ausschnitt aus «Death Row»

3:01 min, vom 6.8.2013

Wir befinden uns in einem texanischen Hochsicherheitsgefängnis, in einer Besuchskabine, in der Inhaftierte und Besucher durch dicke Glasscheiben voneinander getrennt sind und durch klobige Telefonhörer miteinander sprechen.

Ein junger Häftling, des dreifachen Mordes für schuldig befunden und auf seine Exekution wartend, betritt unsicher lächelnd den Raum. Die Handschellen werden ihm abgenommen; er bekommt für die Dreharbeiten ein Mikrofon angesteckt. Auf der Besucherseite sitzt der deutsche Regisseur Werner Herzog – nicht sichtbar, aber stimmlich präsent – und bittet den jungen Mann erst einmal, die Glasscheibe für die Zwecke des Films mit einem Wischtuch gründlich zu reinigen. Was dieser anstandslos tut.

Der Inhaftierte spricht über den kürzlichen Tod seines Vaters, über seinen christlichen Glauben. Da unterbricht ihn Herzog: «Ich habe das Gefühl, dass das Schicksal ihnen sehr schlechte Karten gegeben hat. Das heisst nicht, dass sie das entschuldigt, und auch nicht, dass ich sie mögen muss. Aber ich respektiere sie als Mensch, und ich bin der Meinung, dass Menschen nicht hingerichtet werden sollten.»

Interviews mit Todgeweihten

Diese Szene stammt aus dem Dokumentarfilm «Into the Abyss», den Herzog im Jahr 2010 gedreht hat. Insgesamt fünf texanische Kriminalfälle mit verhängten Todesstrafen hat Herzog damals aufgerollt und dokumentiert – einen davon für «Into the Abyss», vier weitere für die erste Staffel der TV-Serie «On Death Row». Anscheinend hat sich das Thema damit für Herzog noch nicht erschöpft: Am 66. Filmfestival von Locarno präsentiert er nun persönlich eine zweite Staffel von «On Death Row», in der wiederum vier unterschiedliche Menschen porträtiert werden, die in Texas auf ihre Hinrichtung warten.

Darlie Routier soll zwei ihrer eigenen Kinder erstochen haben; Douglas Feldman hat zwei Menschen erschossen (weshalb er als Serienmörder gilt); Robert Fratta wird der kaltblütige Mord an seiner Frau vorgeworfen; und der 23-jährige Blaine Milam soll die einjährige Tochter seiner Freundin beim Versuch einer Teufelsaustreibung zu Tode getreten haben.

Menschliches Grauen

Es sind abscheuliche Taten, in welche die auf der Leinwand zu sehenden Menschen involviert waren. Fälle wie diese stossen natürlich auch ohne Herzogs Bemühungen auf mediales Interesse: Abnehmer solcher Geschichten sind insbesondere die Anbieter von den in den USA beliebten «True Crime»-TV-Formaten, die sich als Infotainment verstehen und ihre Fakten grosszügig ausgelegt und reisserisch präsentieren – etwa mit nachgestellten Szenen zu dramatischer Musik.

Vom vielfach preisgekrönten Werner Herzog darf man freilich einen etwas subtileren Zugang zur Materie erwarten. Und in der Tat ist sich der Mann wie kaum sonst jemand bewusst, dass er durch das Abbilden von Gewaltakten, Todesfällen und Todgeweihten unter Umständen einen morbiden Voyeurismus bedient, der an moralische Grenzen stösst. Schliesslich blickt er seit Jahrzehnten mit der Kamera in menschliche und anderweitige Abgründe und hat diesbezüglich eine klare, humanistische Linie entwickelt. Wobei er auch durchaus bizarre, fragwürdige und gar komische Elemente zulässt.

Keine einfache Botschaft

Im Sinne der Mehrdeutigkeit muss man auch sein eigenes Outing als respektvoller Gegner der Todesstrafe verstehen, das er jeweils gleich eingangs loswird: Er tut das nicht, um sich selbst als moralische Instanz aufzuspielen oder den Eindruck zu erwecken, seine Filme seien Aufforderungen zur Abschaffung der Todesstrafe: Das wäre Herzog zu banal. Er tut es vielmehr, damit er sich später nicht mehr damit herumschlagen muss und eine freie, teils wertende Hand beim Filmen seiner Subjekte haben kann.

In jeder Folge von «On Death Row» sind nach Möglichkeit auch Mittäter, Opfer und Betroffene der Gewalttaten zu sehen, und viele unter ihnen wünschen den Tätern nichts Besseres als den elektrischen Stuhl, oft unter Tränen. Manchmal sind es auch die Täter selbst, die sich nur noch den Tod wünschen.

Happy Ends gibt es in «On Death Row» selbstredend keine. Voyeurismus auch nicht. Aber man verlässt den Saal mit der Gewissheit, dank einem umsichtigen Filmschaffenden einiges über die Sonnen- und Schattenseiten der Menschheit erfahren zu haben.

Werner Herzog

Werner Herzogschaut mit ernstem blick direkt in die Kamera

Festival del film Locarno

Der 1942 in München geborene Werner Herzog begann seine Filmkarriere in den 60ern als Autodidakt, der er heute noch ist. International bekannt wurde er durch Spielfilme mit Klaus Kinski («Aguirre») und Dokumentarfilme («Grizzly Man»). Heute lebt und arbeitet er in Los Angeles.

SRF am Filmfestival Locarno

Im Radio:

SRF 2 Kultur und SRF 4 News sind während des Filmfestivals gemeinsam vor Ort: «Live aus Locarno» mit aktuellen Filmen und prominenten Gästen – vom 3. bis 11. August, Mo-Fr, um 11 Uhr live auf SRF 4 News und 12 Uhr auf SRF 2 Kultur.

Im TV:

«Filmfestival Locarno 2017 - Das Spezial» am 9. August um 22.25 Uhr auf SRF 1.