Autorenfilmern gehört die Bühne beim 71. Filmfestival von Venedig

Normalerweise schlägt im Spätsommer auf dem Lido George Clooneys Stunde. In diesem Jahr fehlt der Lieblingsgast der letzten Dekade. Zu bedauern ist das nicht. Denn dadurch kriegen die neusten Filme von Regie-Assen wie Alejandro González Iñárritu, Fatih Akin und Roy Andersson mehr Gewicht.

Stars (George Clooney, Sandra Bullock und Alfonso Cuaron) im Blitzlichtgewinner der Photographen.

Bildlegende: Die Lagunenstadt erwartet für einmal keine George-Clooney-Show, sondern ein Schaulaufen der internationalen Regie-Elite. Venice Film Festival

Eröffnet wird das traditionsreiche Filmfestival am Lido mit einem echten Paukenschlag: «Birdman» – geschrieben und inszeniert von Alejandro González Iñárritu. Der bereits zweifach Oscar-nominierte Regisseur löst damit ein Versprechen ein, das er 2011 auf dem Zurich Film Festival gemacht hatte. Auf die nervenaufreibende Dramatik seines bisherigen Werks angesprochen, kündigte er damals an, dass sein nächster Film eine Komödie sein werde.

«Birdman» – der etwas andere Iñárritu-Film

Ganz ohne Drama ging’s dann aber offensichtlich doch nicht. Der Trailer von «Birdman» lässt eine Mischform, eine sogenannte Dramödie, erahnen. Ex-«Batman» Michael Keaton spielt darin einen ehemals berühmten Superhelden-Darsteller, der durch eine Rolle am Broadway seine Karriere reanimieren will. Auch die Besetzung der Nebenrollen ist vielversprechend: Edward Norton, Zack Galifianakis und Naomi Watts, um nur einige zu nennen.

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Trailer zu «Birdman»

2:52 min, vom 25.8.2014

Auf völlig neuen Pfaden wandelt Alejandro González Iñárritu bei der Gestaltung. Iñárritus Stamm-Kameramann Rodrigo Prieto ist nicht mehr mit von der Partie. Sein Nachfolger Emmanuel Lubezki hat im Vorfeld des Festivals angedeutet, wohin die künstlerische Reise geht: Dank der raffinierten Drehweise des «Gravity»-Kameramanns soll im fertigen Film kein einziger Schnitt zu sehen sein. Dadurch dürfte ein kontinuierlicher Fluss entstehen, ähnlich wie im Hitchcock-Klassiker «Cocktail für eine Leiche». Die Spannung ist gross, ob es der Episodenfilm-Meister Iñárritu mit «Birdman» schafft, sich als Regisseur neu zu erfinden.

Stark besetzter internationaler Wettbewerb

Im internationalen Wettbewerb darf auf würdige Abschlussfilme zweier herausragender Trilogien gehofft werden. Nach «Gegen die Wand» und «Auf der anderen Seite» präsentiert der Deutschtürke Fatih Akin seinen dritten Film zum Thema Liebe, Tod und Teufel. «The Cut» befasst sich mit dem Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915. In türkischen Kinos wird der regierungskritische Film nicht zu sehen sein. Umso mehr freut sich Venedig auf den jüngsten Kraftakt des Regisseurs, der hier 2009 den Spezialpreis der Jury gewinnen konnte.

Ein Mann betrachtet in einem Museum gedankenverloren eine ausgestopfte Taube.

Bildlegende: «A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence» packt die Absurdität unserer Welt in einen Film. www.royandersson.com

Die poetisch-bitterbösen Gesellschaftsbilder des Schweden Roy Andersson sind politisch gewiss weniger kontrovers als Fatih Akins Filme. Aber dank ihrer philosophischen Tiefe mindestens genauso aussagekräftig und aktuell. «A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence» ist bereits Anderssons dritte Regiearbeit über die Absurdität unserer Gegenwart. Wenn sie qualitativ mit «Songs From the Second Floor» und «You, the Living» mithalten kann, hat Andersson im Rennen um den Goldenen Löwen gute Karten.

Regie-Veteranen ausser Konkurrenz

Ausserhalb des Wettbewerbs lassen sich in Venedig gleich mehrere Filmemacher wieder blicken, die man schon in Rente wähnte. Der 72-jährige Oscar-Preisträger Barry Levinson inszeniert Al Pacino in «The Humbling» als schlecht gealterten, suizidalen Schauspieler, der eine sexuelle Beziehung mit einer jungen Frau unterhält.

Deutlich heiterer klingt die Beschreibung von «She’s Funny That Way», dem ersten Film von New-Hollywood-Ikone Peter Bogdanovich (75) seit zwölf Jahren: Ein verheirateter Broadway-Direktor verliebt sich in eine Schauspielerin, die sich mangels Rollenangebote als Prostituierte durchschlägt. In den Hauptrollen: Imogen Poots, Jennifer Aniston und Owen Wilson.

Ebenfalls mit einer Komödie kehrt «Gremlins»-Macher Joe Dante (67) nach jahrelanger Absenz ins Kinogeschäft zurück. «Burying the Ex» dreht sich um einen jungen Mann, der sich nur langsam dazu überwinden kann, mit seiner Freundin zusammenzuziehen. Sein Unbehagen wird bestätigt, als sich die Dame seines Herzens in den gemeinsamen vier Wänden als Zombie entpuppt.

Kunst statt Kommerz

Der geflügelte Löwe, das Wahrzeichen der Filmfestspiele von Venedig.

Bildlegende: Selbstbewusst wie ein Löwe: Trotz wachsender Festivalkonkurrenz verharrt Venedig in stolzer Pose. Venice Film Festival

Im Kampf um mediale Aufmerksamkeit hat die Kino-Biennale in den letzten Jahren viele Schlachten verloren. Vor allem das Festival von Toronto, das nur wenige Tage später startet, gräbt Venedig immer mehr das Wasser ab. Festivalleiter Alberto Barbera weiss: Wirtschaftlich kann Venedig nicht mit dem Filmmarkt von Toronto konkurrieren. Auch die Stardichte ist dort mittlerweile grösser.

In seinem Vorwort stellt Barbera darum offensiv die künstlerische Qualität der selektionierten Filme ins Zentrum: Venedig als eine der letzten Hochburgen der Kinokultur, die noch nicht vom Geld regiert werden. Aus diesem zur Schau getragenen Idealismus vor allem etwas hervor: Zumindest seinen Stolz hat Venedig noch nicht verloren.