Das Schweigen schmerzt in «The Look Of Silence»

In Joshua Oppenheimers Film trifft die Familie eines Opfers auf Täter des Genozids in Indonesien von 1965-66. Die Unfähigkeit der Täter mit dieser Situation umzugehen, bannt der Filmemacher in bedrückende Bilder. Die Gesicher des Schweigens sagen mehr als jedes Wort.

Mann mit Schärfemessbrille

Bildlegende: Brutale Realität: «The Look of Silence» zeigt wie gefährlich man lebt, wenn man die falschen Fragen stellt. Final Cut for Real

Im März dieses Jahres stand Oppenheimer mit «The Act of Killing» noch im Rennen um den besten Dokumentarfilm. Mit dem Film, in dem die Mörder des Genozids in Indonesien 1965-66 ihre Taten nachspielen, schlug Oppenheimer ein neues Kapitel der Vergangenheitsbewältigung auf. Oder er zeigte vielmehr die totale Verdrängung einer solchen. Keine Reue zeigen die Täter, die noch heute an der Macht sind.

Unangenehme Fragen

Der im Wettbewerb von Venedig laufende «The Look of Silence» ist eine Art Fortsetzung dieser Arbeit. Oppenheimer konfrontiert die Täter aus seinem ersten Film noch mal – dieses Mal aber nicht selber. Er zeigt seinen Film «The Act of Killing» dem Bruder eines der Opfer. Dessen Peiniger haben ausführlich von den Folterungen und dem Mord erzählt. Oppenheimer bringt den Bruder und die Täter zusammen. Der Mann ist zwei Jahre nach den Massentötungen geboren und hat seinen Bruder selber nicht gekannt.

Der Nachgeborene, ein Optiker, spricht mit seiner Mutter über die traumatischen Erlebnisse. Und er passt den Tätern von einst – die Jüngeren unter ihnen bekleiden immer noch Ämter – auch schon mal eine Brille an. Dabei stellt er Fragen, unangenehme Fragen, nach dem Bruder. Er möchte, dass sie sagen: Ja, ich war verantwortlich.

Zwei Männer unterhalten sich.

Bildlegende: Verdrängungskultur: Gespräche über eine Zeit in Indonesien über die keiner sprechen will. Final Cut for Real

Schmerzhafte Antworten

Die Reaktionen sind immer gleich: zuerst die Berufung auf die Befehle von anderen, das Zurückweisen jeglicher Verantwortung, die ärgerlichen Hinweise, man solle bitte die Vergangenheit ruhen lassen (einer bemerkt wütend, dass der Bruder viel «tiefere Fragen» stelle als Oppenheimer von einigen Jahren, und das sei schmerzhaft) – und schliesslich bleibt nur das Schweigen.

Oppenheimer filmt viel Schweigen, filmt die Gesichter, sowohl die der Täter als auch die der Familie des Getöteten, filmt, wie sie sich ansehen, unversöhnt, hilflos. Es sind diese Momente des Schweigens, die noch schwerer wiegen als die grausamen Beschreibungen dessen, was die Mörder mit ihren Opfern gemacht haben.

Unheimlich klar wird, es hat sich gar nichts geändert in den fast 50 Jahren, die seit den Massentötungen an «Kommunisten» vergangen sind. Nichts ist verarbeitet. Im Gegenteil: Plötzlich werden wieder Drohungen ausgesprochen. «Das alles könne wieder passieren, wenn man nicht aufpasse» hört man allenthalben von den alten Tätern. Junge Lehrer erzählen im Geschichtsunterricht von den «Gräueltaten der Kommunisten.»

«Wir mögen dich nicht mehr»

Joshua Oppenheimer ist in diesem Film selten zu hören, nie zu sehen – sein Protagonist ist die fragende und nachforschende Instanz. Aber je länger der Film dauert, desto klarer wird, dass die Einwohner des indonesischen Dorfes auch diesen Filmemacher aus dem Ausland als störend empfinden, der mit seinem Filmprojekt nun plötzlich unangenehm wird. «Beim letzten Film mochten wir dich noch, Joshua. Aber jetzt mögen wir dich nicht mehr» sagt die Witwe eines verstorbenen Mörders, als Oppenheimer zusammen mit dem Optiker die Familie besucht und ihr Ausschnitte aus «The Act of Killing» zeigt.

Und gerade diese Szene zeigt, wie wichtig dieser zweite Film «The Act of Silence» ist, wie notwendig es war, dass der in Dänemark lebende Texaner zurückgefahren ist und nun auch den Angehörigen eines Opfers zu Wort kommen lässt. Dieser hat viele Fragen. Aber der Rest ist, leider immer noch, Schweigen.