Jean-Paul Belmondos zwei Gesichter: Arthouse-Ikone und Actionstar

Im Autorenfilm war er zuhause. Bis heute wird Jean-Paul Belmondo mit der französischen «Nouvelle Vague» der 1960er-Jahre in Verbindung gebracht. Doch für das breite Publikum war er ein Actionstar, ein Krimiheld und ein Komödiant von rarer Popularität.

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Belmondo erhält den Ehrenlöwen

2:25 min, aus Tagesschau vom 8.9.2016

Das diesjährige Filmfestival von Venedig hat den legendären französischen Filmschauspieler Jean-Paul Belmondo für sein Lebenswerk gewürdigt. Erwartungsgemäss hatte das Festival bereits in seiner Vorab-Würdigung in den Vordergrund gestellt, dass der heute 83-jährige Belmondo im Zentrum der «Nouvelle Vague» stand – dass er mit Jean-Luc Godard, François Truffaut und Claude Chabrol gedreht hat.

Von Godard bis Melville

Das ist natürlich nicht falsch: Unvergessen sind Belmondos Humphrey-Bogart-Imitation in «A bout de souffle» (1960) und sein blau angemaltes Gesicht in «Pierrot le Fou» (1965). Zweifellos verhalf er mit seiner intensiven Präsenz der damaligen Bewegung um ein moderneres, freieres Kino zu erheblichem Antrieb. Und dennoch greift diese Situierung zu kurz.

Denn im Gegensatz zu den Autoren und Regisseuren Godard und Truffaut, die ihre Filme als eine Absage an das Kino von gestern verstanden, war sich Belmondo von Anfang an nicht zu schade, auch im Auftrag von Filmschaffenden zu drehen, die sich in keiner Weise als Teil dieser Bewegung verstanden: Marcel Carné, Henri Verneuil und Jean-Pierre Melville etwa.

 Belmondo 2011 in Cannes.

Bildlegende: Er hat gut Lachen: Belmondo wird in Venedig, 2011 auch in Cannes, für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Keystone

Vom Rebell zum Abenteurer

Doch es war vielmehr ein Meister der leichten Unterhaltung namens Philippe de Broca, der den Schauspieler schon früh in neue Bahnen lenkte.

Während die jungen Wilden ihren Belmondo gern als einen rebellischen, ungeerdeten Antihelden besetzten, dem es nie so richtig wohl schien in seiner eigenen Haut, erkannte de Broca in ihm das genaue Gegenteil.

Der reale Belmondo fühlte sich offensichtlich mehr als nur wohl in seiner Haut, er strotzte vor Selbstsicherheit und konnte daher problemlos auch als klassischer Held besetzt werden.

Belmondo blieb dem Autorenfilm zwar noch lange Zeit erhalten, war aber spätestens ab seiner Rolle als Räuberhauptmann in de Brocas «Cartouche» (1963) und seinen Stunts in der übermütigen Actionkomödie «L'homme de rio» (1964) regelmässig auch in Abenteuerfilmen, Krimis und Komödien zu sehen, die ohne falsche Scham das Millionenpublikum anvisierten. Und diese Rechnung ging auf: Belmondo wurde innert ein paar Jahren zu einem der grössten Stars des Landes, ja gar Europas.

Vom Charakterdarsteller zum Charmeur

Belmondo entwickelte sich zu seiner eigenen Marke. «BELMONDO» prangte in grossen Lettern zuoberst auf den Filmplakaten. Von der zweiten Hälfte der 1970er- bis in die Mitte der 1980er-Jahre hinein war er ausschliesslich in massgeschneiderten Produktionen zu sehen, die voll und ganz auf seinen Charme, seine Dynamik und sein Talent für physische Einlagen setzten.

Sein Name stand systematisch für halsbrecherische Szenen in harten Thrillern, aber auch für ausgedehnte Slapstick-Einlagen und Grimassen.

Seine grössten männlichen Konkurrenten dieser Zeit stach er folgerichtig aus: Louis de Funès und Pierre Richard waren notgedrungen immer komisch, Alain Delon war notgedrungen immer ernst – Belmondo hingegen glänzte stets in beiden Disziplinen.

Nur einer blieb bei diesem Wettrennen auf der Strecke: der nuancierte Charakterdarsteller, der Belmondo früher einmal gewesen war.

Baumeln an der Liane und am Helikopter

Gerade zu den Zeiten seiner grössten Kassenerfolge musste Belmondo oft lesen, er sei früher ein besserer Schauspieler gewesen. Aber das konnte ihm egal sein: Stattdessen rang er mit einem Tiger und schwang sich im Affenkostüm an einer Liane durch den Raum (in «L'animal» von 1977), er hing in schwindelerregender Höhe einhändig an einer Regenrinne und balancierte auf dem Dach einer fahrenden Metro (in «Peur sur la ville» von 1975).

Oder er schäkerte mit barbusigen Frauen, baumelte in halblangen Unterhosen an einem fliegenden Helikopter und bretterte mit einem Motorboot durch eine Hotellobby in Venedig (in «Le guignolo» von 1979).

Auch wenn sich die Filmkritik angesichts solcher Leistungen meistens verschämt von Belmondo abwandte: Auch diese Momente sind Teil seines Lebenswerks, und auch sie verdienen eine Würdigung.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 01.09.2016, 06:50 Uhr