Was will die NZZ mit dem Zurich Film Festival?

Das hat es so noch nie gegeben: Ein Medienhaus kauft ein Filmfestival. Kein Sponsoring. Keine Partnerschaft. Ein Kauf durch den Erwerb der Aktienmehrheit. Wie stark beschneidet das die Freiheit der künstlerischen Leitung? Und kann die NZZ künftig wirklich noch unbefangen über das Festival berichten?

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Die Geschäftsfelder der NZZ-Mediengruppe

0:52 min, vom 28.9.2016

  • Die NZZ kauft sich die Mehrheit am Zurich Film Festival und will damit Geld verdienen.
  • Die Festival-Konkurrenz beurteilt die Übernahme kritisch und fragt sich, ob die künstlerische und die journalistische Unabhängigkeit gewährleistet bleiben.
  • Die Übernahme durch ein Medienhaus könnte Auswirkungen haben auf die Förderung des ZFF mit öffentlichen Geldern.

Ungewöhnliches Geschäft unter Freunden

Ende August geschah das Aussergewöhnliche: Die NZZ-Mediengruppe sicherte sich 52% der Aktien der Zurich Film Festival AG und stieg so quasi über Nacht von einem Verbündeten zum Besitzer des Glamour-Events auf. Ein einzigartiger Vorgang, der seinesgleichen sucht. Für ZFF-Direktor Karl Spoerri ist die Übernahme dennoch kein Grund zur Aufregung, da sie die künstlerische Freiheit der Festivalleitung in keiner Weise beeinträchtige.

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Das gekaufte Filmfest

7:47 min, vom 28.9.2016

Spoerri verweist auf das Tribeca Film Festival, das seit zwei Jahren zur Hälfte der «Madison Square Garden Company» gehört. Doch der Vergleich hinkt, da die US-Firma nur sekundär als Medienhaus auftritt. Primär handelt es sich um einen Sportkonzern, der renommierte Clubs wie die New York Knicks (Basketball) oder die New York Rangers (Eishockey) besitzt und vermarktet.

Noch deutlicher unterscheidet sich das oft als vergleichbarer Fall herangezogene L.A. Film Fest. Der Anlass in Kalifornien wird bloss von der «Los Angeles Times» präsentiert und ist nicht im Besitz der Zeitung.

Nebulöse Motivation der NZZ-Mediengruppe

Soviel leuchtet ein: Das ZFF will weiter wachsen. Aber was bloss will die NZZ mit dem ZFF? Richtig Geld verdienen lässt sich damit nicht. Im Gegenteil: Filmfestivals gelten gemeinhin als Verlustgeschäft. Geht’s also nur ums Image?

Veit V. Dengler, CEO der NZZ-Mediengruppe, verneint. Der Kauf des ZFF sei vielmehr Teil eines nachhaltigen Geschäftsmodells, das profitabel sein müsse, um die eigene Unabhängigkeit zu sichern.

Fakt ist: Als Zeitungshaus lässt sich die NZZ-Mediengruppe längst nicht mehr bezeichnen. Die angespannte Lage auf dem Printmarkt zwingt die Traditionsmarke zur Diversifikation. Auf dem TV- und Radiomarkt ist das Unternehmen bereits seit vielen Jahren aktiv: Die Regionalsender «Tele 1» (Zentralschweiz) und «TVO» (Ostschweiz) zählen ebenso zum NZZ-Portfolio, wie «Radio Pilatus» und «FM1».

Als Event-Veranstalterin gehört die NZZ-Mediengruppe noch zu den Neulingen: Neben dem ZFF gehört ihr seit einigen Monaten die Wirtschaftskonferenz «Swiss Economic Forum» zu 100 Prozent.

Die Konkurrenz reibt sich die Augen

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Venedigs Reaktion auf die Übernahme des ZFF

1:05 min, vom 28.9.2016

Die Festival-Konkurrenz zeigt sich beunruhigt von der Aussicht, dass das Beispiel ZFF Schule machen könnte. Paolo Baratta, dem Präsidenten der Filmfestspiele von Venedig, ist die Unabhängigkeit seiner Institution heilig: «Für uns als Kultureinrichtung ist eins völlig klar: Wir wollen und werden unsere Autonomie verteidigen!» Ins gleiche Horn blasen Barattas Schweizer Amtskollegen in Nyon und Locarno.

Seraina Rohrer, Leiterin der Solothurner Filmtage, sieht nicht nur die künstlerische Freiheit des ZFF gefährdet. Sogar die Glaubwürdigkeit der NZZ stehe wegen der strukturell bedingten Befangenheit ihrer Autoren auf dem Spiel.

Rohrer stellt angesichts möglicher Interessenskonflikte von NZZ-Journalisten daher die rhetorische Frage: «Wie glaubwürdig ist die Festival-Berichterstattung der NZZ noch?»

Unklare Folgen für das ZFF und die NZZ

Die Konsequenzen sind unabsehbar – für die NZZ-Mediengruppe und das Festival. Benennen lässt sich momentan nur das Konfliktpotenzial: Es gibt einen Glaubwürdigkeitskonflikt für die NZZ, sowie einen Unabhängigkeitskonflikt für das Festival. Und – last but not least – einen Finanzierungskonflikt, sollte die öffentliche Hand ihre Zahlungen fürs ZFF einstellen.

Laut Ivo Kummer, dem Chef der Sektion Film im Bundesamt für Kultur, könnte sich Artikel 17, Absatz 3 in der neuen Filmförderungs-Verordnung als Knackpunkt erweisen. Diese schreibt vor, dass Festivals nur dann unterstützt werden, wenn sie von Medienhäusern unabhängig sind.Aber nicht nur um die 250‘000 Franken Bundesgelder für das nächste Jahr muss das ZFF bangen.

Auch die Stadt und der Kanton Zürich prüfen derzeit, ob die Übernahme durch die NZZ die geplanten Subventionen tangiert. Im schlimmsten Fall droht dem Festival eine Deckungslücke von jährlich 850‘000 Franken. Das wären immerhin 10 Prozent des ZFF-Budgets. Ein Fehlbetrag, den die NZZ beim Kauf des Festivals wohl nicht auf dem Zettel hatte.