«Frances Ha» – würdig scheitern in Schwarz-Weiss

«Frances Ha» heisst der New Yorker Schwarz-Weiss-Film von Regisseur Noah Baumbach und Hauptdarstellerin Greta Gerwig. Sie setzen all jenen ein Denkmal, die von einer Künstlerkarriere in der Grossstadt träumen und sich schliesslich mit ihrem wirklichen Leben arrangieren müssen.

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Trailer zum Film «Frances Ha»

1:42 min, vom 24.7.2013

Er ist der besessene New Yorker Filmemacher, 44, unbeirrbar in seiner Vision, erfolgreich und bis vor drei Jahren mit der Schauspielerin Jennifer Jason Lee verheiratet. Sie ist 30 Jahre alt, die ungekrönte «Queen of Mumblecore», jenem Sub-Genre des US-Independent-Kinos, das seinen Namen dem natürlichen Nuscheln seiner Darsteller verdankt. Und sie ist unter den angesagten Schauspielerinnen die kommendste.

Zusammen sind sie das aktuelle Powercouple der Indie-Movies: Noah Baumbach und Greta Gerwig. Drei Filme haben sie gemeinsam gemacht, ein viertes Projekt ist in Arbeit. Und ihr aktueller Film, «Frances Ha», ist eine eigentliche Fusion ihrer Talente.

Gemeinsam haben sie das Drehbuch geschrieben, Greta Gerwig ist die Titelheldin und hat einiges von ihrer eigenen Biographie eingebracht. Und Noah Baumbach hat einen schwarz-weissen Digital-Look kreiert, mit dem er erfolgreich die Anmutung von klassischem Schwarz-Weiss evoziert, ohne dem industriellen Nostalgie-Filter-Fieber der Mobilfon-Knipser zu verfallen.

Pendeln zwischen Menschen und Wohnungen

«Frances Ha» erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die vor einigen Jahren aus der kalifornischen Hauptstadt Sacramento nach New York gekommen ist, um eine Karriere in Modern Dance zu verfolgen. Aber Frances ist im Teufelskreis gefangen: Als «Apprentice», also Azubi, einer bekannten Dance Company ist sie festgelegt auf deren Stil. Und doch merkt sie langsam, dass sie wohl nie in die Ränge eines eigentlichen Company-Mitglieds aufsteigen wird.

Greta Gerwing als Frances tanzend vor einem Park.

Bildlegende: Die Queen of Mumblecore: Greta Gerwing als Frances. Filmcoopi

So pendelt sie mit langsam wachsender Panik zwischen Training und Jobs und vor allem immer mehr: zwischen Menschen und Wohnungen. Ihrem Freund gibt sie eher passiv, aber entschlossen den Laufpass, als er vorschlägt, eine gemeinsame Wohnung zu nehmen. Und ihre Wohnpartnerin und beste Freundin Sophie, um derentwegen sie darauf bestanden hatte, in der angestammten gemeinsamen Wohnung zu bleiben, bricht ihrerseits zu neuen Ufern auf.

So unterteilt sich denn der Film in einzelne Kapitel – wie vergleichbare Stadtnomadengeschichten. Aber sie werden nicht mit Datumstiteln getrennt, sondern mit temporären Wohnadressen als Zwischentitel – bis Frances ganz zum Schluss ihren eigenen, nur mit ihrem Namen angeschriebenen Klingelknopf haben wird.

Kein Geld, kein Job, keine Hoffnung

Aber bis dahin ist es ein langer und beschwerlicher Weg. Beziehungsgewurstel macht dabei die kleinsten Probleme, insofern unterscheidet sich «Frances Ha» von grossen Vorgängern wie «Annie Hall» oder «Manhattan» von Woody Allen. Frances grösste Probleme sind ganz einfach materieller Art: kein Geld, kein Job, keine Wohnung, keine Hoffnung.

Das alles erzählen Baumbach und Gerwig mit einer Abfolge von sehr natürlich wirkenden, unspektakulären Alltagsszenen zwischen jungen Menschen in einer grossen Stadt. Anders als etwa in den vergleichbaren Berliner Szene-Filmen wie dem grossartigen «Oh Boy» von Jan-Ole Gerster, ist weder Frances selber ein besonders auffälliger Charakter noch hat sie die gewohnte Abfolge skurriler Begegnungen mit einprägsamen Typen. Im Gegenteil: Es ist gar nicht einfach, ihren Weg von Mensch zu Mensch und von Wohnung zu Wohnung zu rekonstruieren. Denn da herrscht fast überall Alltag.

Alltägliche Peinlichkeiten des Lebens

Und doch bleibt der Film fast Bild für Bild und Satz für Satz im Gedächtnis. Das merkt man allerdings erst beim zweiten Sehen, wenn einem alles so vertraut und stimmig und echt vorkommt, wie wenn es sich um eigene Erinnerungen handeln würde.

Das ist die Stärke der Filme von Baumbach und auch die einzigartige Kunst von Greta Gerwig als Schauspielerin: Da steckt kein leicht zu verschlagwortendes, einprägsames Konzept dahinter, keine Ideen-Schreibe mit memorablen Gags und einprägsamen Einzeilern, sondern vor allem genaues Beobachten und Wiedergeben. Und eine fast schon unpoetische, präzise und ungeschönte Wiedergabe auch der alltäglichen Peinlichkeiten des Lebens.

Wenn Frances und Sophie über Sex mit ihren Partnern reden, dann geschieht das sozusagen nebenbei, beim Zähneputzen. Manchmal glaubt man sich verhört zu haben, dann wieder ist klar: Das hat sie jetzt eben gesagt – und es stimmt, selbst wenn es verblüfft. Denn die Verblüffung ist nicht dem eigentlichen Satz oder der Beschreibung einer sexuellen Praxis geschuldet, sondern dem Umstand, dass das in einem amerikanischen Film ohne Pauken und Trompeten einfach so gesagt wird – eben doch irgendwie Mumblecore.

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