«Freifall» – Ein Film über Liebe ohne Rettungsschirm

In «Freifall – Eine Liebesgeschichte» stürzt ein Basejumper zu Tode. Er war der Lebensgefährte der Filmemacherin Mirjam von Arx («Virgin Tales»), die zeitgleich mit einer Krebserkrankung kämpfte. Doch ihr Dokumentarfilm über ihr Schicksal deprimiert nicht – im Gegenteil.

Ein Base-Jumper in einem gelben Anzug springt gerade von einer Klippe in die Tiefe.

Bildlegende: Basejumping: Ist es die Überwindung von Angst, die die Lebensintensität steigert? Praesens

Es ist zu einer Art Trend geworden: Schweizer Dokumentarfilme erzählen viel persönlichere Geschichten als auch schon. Sie entstehen oft nicht nur aufgrund der Neugier auf Fremdes, sondern aus den reinen Befindlichkeiten der Filmschaffenden heraus. Auf der Suche nach dem grossen Sujet landen viele bei ihren eigenen Gefühlen und Problemen. Und bei ihrem nächsten Umfeld: «Vaters Garten» von Peter Liechti war ein Musterbeispiel für diese relativ neue Gattung – bei einigen anderen stellte sich hingegen die Frage, ob sie für die Öffentlichkeit überhaupt relevant waren.

Grosses, dramatisches Potential

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min, vom 1.1.1970

Auch Mirjam von Arx («Virgin Tales») hat sich nun entschieden, in einem Dokumentarfilm «ich» zu sagen. Aus gutem Grund: Was sie vor vier Jahren am eigenen Leib erfuhr, hat ein beachtliches dramatisches Potenzial. Sie war damals frisch verliebt und gleichzeitig an Krebs erkrankt. Ihr neuer Freund stand ihr bei in einer schweren Zeit – doch dann endete sein eigenes Leben brüsk: Bei einem missglückten Fallschirmsprung von einer Klippe im Lauterbrunnental.

Von Arx war zuerst einmal einfach nur wütend: Sie hatte um ihr Leben gekämpft, er hatte seines leichtfertig weggeschmissen. Sie hätte probieren können, das alles zu vergessen und sich eine neue Zukunft aufzubauen. Doch sie griff zur Kamera und ging nach Lauterbrunnen – nicht, um die Basejumper-Szene für den Tod ihres Freundes zu verfluchen. Sondern weil sie verstehen wollte, was diese Menschen zu ihrem waghalsigen Tun antreibt. Sie sprach insbesondere mit dem Base-Coach ihres Partners, der den fatalen Sprung aus nächster Nähe erlebte.

Ein Film über das Leben

«Freifall – eine Liebesgeschichte» ist gezwungenermassen ein Film über den Tod, aber viel mehr noch ein Film über das Leben: über die Lust am Leben – keine Selbstverständlichkeit bei einer Krebserkrankung – und vor allem auch die Sucht danach. Denn anscheinend ist es nicht nur das einfache Verlangen nach einem Adrenalin-Kick, das einen Basejumper anstachelt, sondern ein breiter gefächertes Bedürfnis danach, durch die Überwindung von Ängsten die Lebensintensität zu steigern.

Von Arx lässt zahlreiche Befürworter (aber auch einige Gegner) einer Sportart zu Wort kommen, die gemäss vielen Menschen längst verboten gehört, da sie regelmässig Tote fordert. Die Filmemacherin hat in ihren Film zahlreiche Aufnahmen von Sprüngen eingebaut, die mit Helmkamera gefilmt wurden, und die auf der grossen Leinwand ihre ganze schwindelerregende Kraft entfalten. Hat sie sich von ihrem strittigen Thema vereinnahmen lassen und aufgrund der visuellen Kraft dieser Bilder die kritische Distanz verloren? Bietet sie verantwortungslosen Sportextremisten gar eine Plattform mit ihrem Film?

Überzeugend und versöhnlich

Nein, das tut sie nicht. Sie zeigt und hinterfragt eine Randgruppe, wie es sich für einen Dokumentarfilm gehört. Sie stellt überzeugende Zusammenhänge her, notabene mit ihren eigenen gesundheitlichen Rückschlägen. Und dadurch, dass sie das Basejumping nicht erstinstanzlich verurteilt, erweitert sie ihren Film um eine Komponente, die den Kern von jedem guten Melodram ausmacht: um die heilende Kraft der Versöhnung.

Kinostart

Der Dokumentarfilm «Freifall – Eine Liebesgeschichte» von Regisseurin Mirjam von Arx («Virgin Tales») feierte am diesjährigen Zürich Filmfestival Premiere und startet am 4. Dezember 2014 in den Kinos.