Für einen Film zurück ins Puff

Für das Drama «Party Girl» durchlebt die Elsässerin Angélique Litzenburger erneut ihre Geschichte: Als 60-Jährige feiert sie in einem Bordell durch die Nächte. Dann bekommt sie einen Heiratsantrag von einem Kunden – und wird Hausfrau. Eine ungewöhnliche Geschichte für einen ungewöhnlichen Film.

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Filmkritik: «Party Girl»

5:01 min, vom 25.3.2015

Zigarette im Mund, Amy-Winehouse-Frisur und ein Cüpli zwischen den mit Ringen besteckten Fingern: Angélique tanzt und trinkt durch die Nächte des Rotlichtmilieus. Die 60-Jährige liebt das unkonventionelle Leben. Das Feiern mit ihren Freundinnen im Puff und das Verführen von Männern.

Eines Nachts hält Michel, ein langjähriger Kunde, um ihre Hand an. Angélique lacht lauthals – «mach keine Witze», entgegnet sie ihm. Die Vorstellung, ihr Zimmerchen über der Bar zu verlassen und in sein Haus zu ziehen, verunsichert sie. Doch sie wagt den Schritt.

Eine Gruppe von Frauen spatziert die Strasse entlang.

Bildlegende: Angélique (r.) unterwegs mit ihren Freundinnen vom Puff. First Hand Films

Realität statt Kitsch

Die Inhaltsangabe lässt ein kitschiges Märchen vermuten, der Titel «Party Girl» einen Indiefilm mit jungen, wild-tanzenden Frauen. Doch das französische Drama ist beides nicht: Angéliques Geschichte liefert einen tiefen Einblick in eine tabuisierte Welt am Rande der Gesellschaft und begeistert mit einer selten gesehenen Realitätsnähe.

«Je suis un papillon de nuit» – ich bin ein Schmetterling der Nacht – sagt sie. Die Freiheit, die mit ihrem ungeregelten Alltag einhergeht, ist Angéliques oberstes Gebot. Eine ungewöhnliche Protagonistin, die den Film aufregend und bis zum Schluss spannend sein lässt: Soll sie sich den Gesellschaftsvorstellungen fügen oder soll sie weiterleben wie bisher?

Familienprojekt in Cannes

Angélique ist forsch und stur, dann wieder hilflos und kindlich. Sie ist Party Girl, Verlobte, Mutter und Grossmutter in einem. All diese Rollen werden mit viel Authentizität verkörpert – und das nicht ohne Grund: die Elsässerin Angélique Litzenburger spielt sich selber. Für das Filmprojekt ihres Sohnes Samuel Theis – Drehbuchautor und Co-Regisseur von «Party Girl» – durchlebt sie ihr früheres Leben für die grosse Leinwand.

Drei Menschen unterhalten sich: Eine Frau mit blonden Haaren, ein junger Mann und eine Frau.

Bildlegende: Familienprojekt: Tochter Séverine, Sohn Samuel und Angélique im Film «Party Girl». First Hand Films

An «Party Girl» beteiligt waren, neben Samuel Theis, auch die übrigen drei Kinder von Angélique. Ein stimmiges Familienprojekt – und doch viel Arbeit: «Mit 35 Drehtagen hatten wir einen sehr strengen Kalender. Wir haben die Kamera nie einfach aufgestellt und gesagt ‹jetzt improvisiert ein bisschen›. Wir hatten immer den Film im Kopf», erinnert sich Theis an die Dreharbeiten.

Dem jungen Regie-Trio aus Samuel Theis, Marie Amachoukeli-Barsacq und Claire Burger ist mit der ungewöhnlichen Mischung aus Fiktion und Dokumentation etwas ganz Besonderes geglückt. Der Film begeisterte am Filmfestival in Cannes: «Party Girl» eröffnete letztes Jahr die Sektion «Un certain regard» und gewann dort die Caméra d’Or.

Nie ausgetanzt

Hinter dem wenig auffallenden Filmtitel «Party Girl» verbirgt sich eine französische Perle: wunderbar stimmige Bilder, Figuren mit einer faszinierenden Wärme und Direktheit. Dialoge, die nicht geschrieben zu sein scheinen, sondern die einfach «geschehen». Aus dem Mund von Angélique kommen die grossen Fragen des Lebens: Ist Freiheit egoistisch? Wieviel Kompromiss braucht die Liebe? Und kann man zugleich Grossmutter und Party Girl sein?

Angélique Litzenburger weiss die Antwort auf letztere Frage zumindest für sich: «Ich bin nicht gerne drinnen, ich muss raus. Ich bin noch heute ein Party Girl!», sagt sie im Interview mit SRF.

Kinostart: 26.3.2015