«Gentrifizierung betrifft die ganze Schweiz»

Fachleute sprechen von «Gentrifizierung» – Betroffene wie der Regisseur Markus Welter von «Entwurzelung». «Das alte Haus» in seinem gleichnamigen Film ist eine Metapher für eine dörfliche Schweiz, die von der Verstädterung aufgefressen wird.

Stefan Hoffmann: Ihr Film «Das alte Haus» beschreibt, wie langjährige Mieter aus einem alten Haus ausziehen müssen, weil an dessen Stelle ein Neubau mit Wohnungen für Besserverdienende entstehen soll. Weltweit werden ganze Quartiere auf diese Art städtebaulich und sozial umstrukturiert. Fachleute sprechen von «Gentrifizierung». Sie und Ihre Familie haben das auch erlebt.

Markus Welter: Ja, zwar nicht Gentrifizierung im klassischen Sinn, aber die emotionale Grenzerfahrung einer Entwurzelung. Insofern ist «Das alte Haus» mein bisher persönlichster Film geworden, weil ich die Emotionen der Hausbewohner selbst erlebt habe.

Wenn die alleinerziehende Mutter im Film ihren beiden Jungs ankündigt, nach Birmensdorf zu ziehen, erntet sie dafür vom älteren Sohn ein tief empfundenes: «Ich hasse dich!». Denn er will nicht in «so ein Kaff» ziehen, die Schule wechseln und sich neue Freunde suchen müssen.

Diese Szene hat sich genau so bei uns in der Küche abgespielt, als wir unseren Kindern eröffneten, dass wir aus dem Haus im Quartier ausziehen müssen, in dem wir neun Jahre lang gewohnt hatten.

Wie kam es dazu?

Dem Wegzug voraus gegangen war ein langer Streit. Besonders bitter war, dass wir zuvor ein freundschaftliches Verhältnis mit dem Vermieter hatten: Als unser zweites Kind geboren wurde, bot er uns eine grössere Wohnung an – eine für unsere Bedürfnisse absolute Traumwohnung, und das zu einem Freundschaftspreis. Den konnte er irgendwann offenbar nicht mehr halten, er gab uns von heute auf morgen eine Mietzinserhöhung von 1000 Franken pro Monat bekannt. Begründung: Angleichung an den ortsüblichen Tarif.

Ich denke, es hatte auch damit zu tun, dass ich inzwischen kontinuierlich als Regisseur arbeitete. Da kommt in der Schweiz schnell die falsche Vorstellung auf, damit liessen sich Millionen verdienen.

Die Autorinnen Eva Vitija und Signe Astrup hatten die Geschichte des Films ursprünglich im Seefeld angesiedelt, einem der Quartiere in Zürich, wo Gentrifizierung erstmals im grossen Stil sichtbar wurde.

Im Seefeld ist die Gentrifizierung mittlerweile weitgehend abgeschlossen. Wir haben an der Weststrasse gedreht, wo sich das Phänomen im Moment zeigt. Die Besitzerin des Hauses, in dem wir drehten, war sehr sozial: Da wohnten noch immer langjährige Mieter darin. Aber rund herum wurden wir spontan von Leuten angesprochen und auf Häuser hingewiesen, bei denen das Gleiche passierte wie im Film, wo Menschen nach über 30 Jahren in einer Wohnung das Feld räumen mussten.

Schon klar: Unsere 9 Jahre sind keine Zeit im Vergleich zu einem halben Leben. Aber ich konnte mich gefühlsmässig in die Lage der Betroffenen und in die Figuren im Film hineinversetzen, in das Gefühl des Entwurzeltwerdens, den Verlust des sozialen Netzwerks oder als Kinder der Gspänlis; die Angst, aus einer vertrauten Umgebung raus zu müssen und nicht zu wissen, wie es weitergeht.

Wie hat das Ihren Zugang zur Geschichte beeinflusst?

Mir war wichtig zu vermitteln, dass die Probleme im Film nicht auf die grossen Städte wie Zürich beschränkt sind, sondern die ganze Schweiz betreffen. Eine Immobilie ist nicht nur ein Wirtschaftsgut, sondern auch etwas, das einem ans Herz wachsen kann – auch wenn es einem nicht gehört. «Das alte Haus» betrifft auch Leute, die sich noch nichts unter Gentrifizierung vorstellen können, weil sie auf dem Land leben.

Zürich ist letztlich eine Ansammlung von Quartieren, in denen man sich, gerade wenn man Kinder hat, bewegt wie in einem Dorf. Eine bestimmte Wohnung in einem bestimmten Haus verlassen zu müssen bedeutet meist auch, aus dem Quartier wegziehen zu müssen. Ich habe mich gefragt: Wie reagiert wohl jemand auf dem Land, wenn er sein Dorf verlassen muss?

Sie sind mit Ihrer Familie aus der Stadt hinaus in ein Dorf gezogen.

In ein Dorf unweit der Stadt, aber nicht Birmensdorf wie im Film. Kurz darauf bekam ich das Angebot, in dem Film Regie zu führen. Ein reiner Zufall also. Es war keine Bedingung, die Erfahrung eines erzwungenen Umzugs selber gemacht zu haben. Der eine Teil dieser Erfahrung ist die Entwurzelung, der andere, nicht weniger problematische, das Suchen eines neuen Plätzchens. Ganz frei wählen, wohin man möchte, kann man ja auch nicht. Wir wollten eigentlich in der Stadt bleiben, denn unsere Kinder sind Stadtkinder, die ganz selbstverständlich mit den ÖV unterwegs sind.

Wie hat sich Ihr Leben, seit dem Umzug und nach der Arbeit am Film, verändert?

Es hat ein Jahr gedauert, bis wir am neuen Ort wirklich angekommen sind. Das Dorf, in dem wir nun wohnen, war zuerst gar nicht in unserem Suchraster. Die Ernüchterung nach fast zehn Jahren Abstinenz vom städtischen Wohnungsmarkt war aber einfach zu gross.

50 Wohnungsbesichtigungen später spielte uns ein glücklicher Zufall die jetzige Wohnung zu. Schon bei der Besichtigung war da sofort ein gutes Gefühl, die Kinder suchten sich gleich schon ihre Zimmer aus. Die Vermieter wollten einer Familie den Vorzug geben; und die Nachbarn, ein Ehepaar, das schon seit 35 Jahren dort wohnt, finden toll, dass wir wieder Leben in die Bude bringen. Wir bezahlen jetzt sogar weniger Miete als vorher.

Klingt doch nach einem regelrechten Happy End!

Nicht zuletzt dank meiner Frau. Sie hat sich schon um den Aufbau eines neuen sozialen Netzwerks gekümmert, als ich noch das Stadtleben vermisste. Obwohl ich früher viel zwischen Frankfurt, Zürich und L.A. unterwegs war, wurde Entwurzelung erst mit einer eigenen Familie ein Thema: Da hat man Verantwortung. Vielleicht musste ich deshalb zuerst den Film fertigmachen. «Veränderungen tun gut» – wie sehr dieser Satz aus dem Film stimmt, wusste ich vorher noch nicht. Vor einigen Tagen habe ich nun in unserer Wohnung die erste Lampe an die Decke montiert.

Markus Welter

Der in Bonn geborene Regisseur zog – nach zwei Jahren in den USA – im Jahr 2002 nach Zürich. 2008 realisierte er mit dem Thriller «Im Sog der Nacht» seinen ersten Langspielfilm. 2009 folgte die SRF Produktion «Die Käserei in Goldingen», 2010 der Horrorfilm «One Way Trip 3D». Zuletzt verfilmte er Martins Suters Roman «Der Teufel von Mailand».

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