Gillian Anderson: Scully? Nein, Gibson!

Für viele ist sie auf immer und ewig Dana Scully aus den «The X-Files». Doch Gillian Anderson ist längst aus dem Schatten dieser prägenden Rolle getreten und hat sich anderweitige Standbeine aufgebaut. In der TV-Serie «The Fall» zeigt sie einmal mehr die Bandbreite ihres Talents.

Eine Frau mit blonden Haaren im Vordergrund, dahinter im Halbschatten ein Mann mit Bart.

Bildlegende: In allen Köpfen war Gillian Anderson eins mit Dana Scully. Doch es gelang ihr, das Handicap abzustreifen. SRF/Artists Studio/BBC

In Belfast geht nachts ein Frauenmörder um, und die lokalen Ermittler brauchen Verstärkung: Vorhang auf für Detective Superintendent Stella Gibson, gespielt von Gillian Leigh Anderson. Dieses Gesicht, diese Stimme: Wer mit der Fernsehserie «The X-Files» aufgewachsen ist, kommt um den Wiedererkennungseffekt nicht herum und hat einen Moment lang Dana Scully vor Augen.

Sorgfältig und berechnend

Doch dieser Augenblick währt nicht lange: Der Killer – gespielt vom «Fifty Shades of Grey»-Star Jamie Dornan – lässt nichts anbrennen, und die in sinnliche Seidenblusen gekleidete Stella Gibson entwickelt rasch ein Eigenleben. «The Fall» erzählt eine klassische Mörderjagd, jedoch mit vertrackter Tiefenpsychologie: Der perverse Mörder ist tagsüber ein charmanter Familienvater und Seelsorger, und Stella Gibson hat – für eine TV-Ermittlerin hohen Ranges eher selten – ein aktives Sexleben.

Gillian Anderson legt ihre Rolle reserviert an: Stella Gibson erledigt ihre Arbeit sorgfältig und berechnend, gar abweisend und schnippisch; sie ist bemüht darum, ob der grauslichen Vorgänge nie die Haltung zu verlieren. Besonders eindrücklich in der Szene – wir greifen etwas voraus – in der sie den Killer ohne einen Anflug von Genugtuung verhört, obwohl der Szene ein brutales Katz- und Mausspiel voranging.

Kein Comeback, denn sie war immer schon da

Natürlich erinnert diese Nüchternheit bis zu einem gewissen Grad an die stets faktentreue Dana Scully. Aber Anderson schafft es dennoch, der Figur einen eigenen geheimnisvollen Charakter einzuhauchen, der im Verlauf der Folgen immer deutlichere Züge annimmt. Dass sie derweil auch exzessive Töne beherrscht, zeigte sie zuletzt in der TV-Serie «Hannibal»: Dort erlebt man sie als verstörte Psychotherapeutin, die mindestens einen Mord auf dem Gewissen hat.

Kann man ausgehend von diesen beiden starken Auftritten von einem Comeback sprechen? Man sollte eher nicht, denn in letzter Zeit war Gillian Anderson fast immer irgendwo präsent – nur oft halt nicht dort, wo man sie erwartete.

Zurück nach London ans Theater

Die anspruchsvollste Phase ihrer Karriere hatte sie zweifellos nach der langen Zeit an der Front von «The X-Files» zu bewältigen: In allen Köpfen war sie damals eins mit Scully, was sich auf anderweitige Rollenangebote negativ auszuwirken drohte. Doch die in Chicago geborene Anderson wusste sich zu helfen: Sie folgte ihren britischen Wurzeln und zog nach London, wo sie sich auf Bühnenrollen spezialisierte.

Schon bald stand sie auch wieder vor der Kamera: Für ihren Auftritt im nordirischen Drama «The Mighty Celt» (2005) gewann sie einen Publikumspreis an den Irish Film and Television Awards. Und in Michael Winterbottoms Farce «A Cock & Bull Story» amüsierte sie sich – wie fast alle Beteiligten – über ihr eigenes Image.

Die X-Files kommen wieder

Gleichzeitig wurden ihr auch vom Fernsehen hochkarätige Rollen angeboten: Sie spielte in den BBC-Verfilmungen der Charles-Dickens-Romane «Bleak House» (2005) und «Great Expectations» (2011), hier unvergesslich als gespenstische Miss Havisham. Im Jahr 2012 war sie dann unter anderem auch in einem Schweizer Spielfilm zu sehen: Für Ursula Meiers «Sister» begab sie sich in die Walliser Bergwelt und sprach ein paar Sätze auf Französisch.

Gillian Anderson, die nebenbei auch als Regisseurin und Autorin tätig ist, wird also auch zukünftig nicht um Aufträge bangen müssen: Zurzeit steckt sie in den Dreharbeiten zur dritten Staffel von «The Fall», eine vierte würde sie gerne in Angriff nehmen – zumal Superintendent Stella Gibson immer noch viele Geheimnisse unter ihrer Seidenbluse verbirgt. Und falls Sie es noch nicht gehört haben: Auch die «X-Files» kommen 2016 zurück.

«The Fall» bei SRF

Die Serie ist bei SRF ab 9. Januar 2016 zu sehen, jeweils samstags um 23.40 Uhr. Alle Folgen der Serie sind ab 2. Januar 2016 jeweils von 23 Uhr bis 6 Uhr Webfirst verfügbar.