Happy Birthday, Captain America! Der Superpatriot wird 75

Captain America ist einer der politischsten Comic-Charaktere. Er verprügelte Hitler, jagte Kommunisten und enttarnte US-Präsident Nixon als Verschwörer. Seit 1941 verteidigt der kostümierte Streiter den amerikanischen Traum gegen Feinde von Innen und Aussen.

Captain America mit Schild und US-Flagge

Bildlegende: Captain America, Verteidiger des amerikanischen Traum, der Superpatriot. Marvel

Klar, es geht bei Captain America hauptsächlich darum, wie ein muskelbepackter Typ in engen Klamotten die Welt rettet. Klar, wer diese Action-Abenteuer mag, will oft gar nicht mehr als «Päng, Bumm, Snikt». Aber manchmal geht es in den Geschichten des maskierten Gutmenschen um mehr als das pure Spektakel.

Comic-Cover

Bildlegende: Das Cover des ersten Captain America- Comics. Marvel Universe

Der politische Maskenträger

Das Kostüm von Captain America ist die US-Flagge. Wächter der Freiheit und Verkörperung des amerikanischen Traumes sind seine Beinamen. Cap, wie er von Freunden im Comic-Heft genannt wird, war von seiner Geburt an ein politischer Maskenträger.

Die amerikanischen Juden Joe Simon und Jack Kirby erfanden ihn, als die Nazis plündernd durch Europa zogen. Gleich im ersten Abenteuer verprügelte Cap Adolf Hitler. Damit war er seiner Zeit voraus. Als das Heft 1941 erschien, waren die USA noch nicht in den Zweiten Weltkrieg eingetreten.

Seit 75 Jahren kämpft Cap nun auf Comicseiten, in B-Movie-Serials, TV-Filmen, Zeichentrick- und Kinoabenteuern. Den jeweiligen Zeitgeist entdeckt man am deutlichsten in den Comic-Heften. In ihnen spiegelt sich die Geschichte der Vereinigten Staaten wieder – vom Zweiten Weltkrieg über die Zerstörung des World Trade Centers am 11.09.2001 bis heute.

Kommunistenjäger

Nach dem Hitlerdeutschland zerschlagen war, zogen die USA in den Kalten Krieg und Cap kämpfte an vorderster Front. Als in den 1950er-Jahren Senator McCarthy zur Kommunistenjagd aufrief, bekam die Captain-America-Comic-Reihe den Untertitel «Commie-Smasher», frei übersetzt: Der, der Kommunisten verprügelt.

Altnazis und Bürgerrechtler

Später, während der Zeit der Bürgerrechtsbewegung und der Studentenunruhen, erhielt Cap einen afro-amerikanischen Partner namens «Falcon». Der Wächter der Freiheit kämpfte auf einmal im New Yorker Ghetto Harlem. Das klingt liberaler, als es tatsächlich war.

Teilweise absurde Geschichten entstanden. Afro-Amerikanische Bürgerrechtler und linke Studentengruppen wurden von Alt-Nazis und Gangstern unterwandert. Cap musste zur Rettung antreten. Die Botschaft an die Leser: Protestierende Schwarze und Studenten sind von unamerikanischen Kräften Verführte. Cap war schon immer eher Tea Party als Obama-Anhänger. Die Gegenkultur der 60er und 70er war nichts für ihn. Kurzhaarschnitt statt Hippie-Matte.

Verschwörung im Weissen Haus

1974 trat US-Präsident Nixon in Folge des Watergate-Skandals zurück. Das amerikanische Volk war erschüttert über das Fehlverhalten ihres Präsidenten. Cap ging es ähnlich. Zeitgleich zu Watergate deckte er in den Comic-Heften eine Verschwörung auf, dessen Kopf im Weissen Haus sass und sich umbrachte, als Cap ihn enttarnte.

In Folge des Skandals gab der Superheld zeitweise sein Kostüm ab. Weil er von seiner Regierung enttäuscht war. Mit dem Motorrad reiste Cap durch die USA. Wie ein paar Jahre zuvor Peter Fonda im Kinoklassiker «Easy Rider». Eine Vermischung von Popkultur. Der Spitzname von Fondas Filmfigur war Captain America.

Cap for President

1980 waren die USA noch immer vom Vietnamkrieg traumatisiert, die Wirtschaftslage war mies und den amtierenden Präsidenten Jimmy Carter empfanden viele Amerikaner als schwach. Als Kommentar zu dieser Stimmungslage, liessen die Comic-Autoren Cap mit dem Gedanken spielen, als Präsidentschaftskandidat anzutreten.

Er tat es schliesslich nicht. Weil er für den amerikanischen Traum kämpfe und sich nicht auf die Kompromisse einlassen könne, die der Staatschef in der politischen Realität eingehen müsse, erklärte er den enttäuschten Wählern. In der Realität löste wenig später Ronald Reagan – ein fahnenschwingender Politiker mit Popkulturvergangenheit – Jimmy Carter im Weissen Haus ab. Reagans Slogan: Wir machen America wieder gross. Das hätte auch Cap sagen können.

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Filmkritik «Captain America»

3:18 min, vom 27.3.2014

Der blau-weisse Kämpfer versteht sich als Patriot, als Verkörperung des amerikanischen Traumes. Für ihn ist die Freiheit des Individuums der höchste Wert. Er handelt wie der einsame Cowboy, der eine Grenzstadt vor Banditen rettet. Ohne rechtliche Legitimation, in der Annahme, dass die staatlichen Behörden korrupt sind.

Das Motto: Ein Mann macht den Unterschied. Cap ist ein Konservativer. Er würde eher Donald Trump oder Ted Cruz wählen, als Hillary Clinton. Die Regierung in Washington ist ihm zu mächtig. Sie greift zu stark ins Leben des Einzelnen ein. Dagegen kämpft er. Bis zum Tod.

Freiheit oder Sicherheit?

2007 geschieht in Caps Comic-Universum etwas einschneidendes. Bei einem Kampf zwischen einem Superschurken und einer Gruppe unerfahrener Helden kommt es zu einer Katastrophe, bei der viele Menschen sterben. Washington reagiert, will aus Sicherheitsgründen alle Metawesen registrieren und ihre Geheimidenitäten erfahren. Cap sieht darin eine Verletzung der bürgerlichen Freiheiten und geht in den Untergrund.

Wieviel Freiheit bin ich bereit für die Sicherheit aufzugeben? Diese Fragen wurde in den USA nach 9/11 immer wieder heftig diskutiert, vor allem nachdem die Bush-Administration den Patriot Act durchgesetzt hatte, ein landesweites Überwachungsprogramm, das die Grundrechte einschränkte.

Captain America liegt erschossen am Boden

Bildlegende: Captain America ist tot. «Abgang eines Anachronisten», schrieb Spiegel Online im März 2007 zum Tod von Cap. Marvel

Cap starb bei seinem Kampf gegen das Registrierungsgesetz. Über den Tod des Comichelden berichteten unter anderem die New York Times, CNN und Spiegel Online. Ein Beleg für die Relevanz des kostümierten Streiters.

Bald nach seinem Ableben feierte Cap seine Auferstehung. Es ist das ungeschriebene Gesetz des Superheldengenres: Keiner stirbt für immer. Bei den Abenteuern von Cap handelt es sich um eine Endloserzählung, dessen Protagonist das Kunststück vollbringt, nicht zu altern und dicht am Zeitgeist zu sein.

Wer immer im November die US-Präsidentschaft gewinnen wird und wie immer das das Land verändert, Cap ist bereit.

Buchhinweis

Matthew Pustz: «Comic Books and American Cultural History: An Anthology», Bloomsbury Academic, 2012.