Im Kino: «Calabria» Heimweh ist stärker als der Tod

Das grossartige dokumentarische Roadmovie «Calabria» begleitet einen italienischen Gastarbeiter auf seiner letzten Reise.

Die beiden Bestatter auf einem verschneiten Pass.

Bildlegende: Der Tote wird im Verlauf der Reise, und des Films, zur Nebensache. Vinca Film

Das Wichtigste in Kürze:

  • Der Schweizer Film «Calabria» erzählt, wie der Sarg eines verstorbenen Gastarbeiters nach Süditalien überführt wird.
  • Der Film ist dokumentarisch, der Regisseur Pierre-François Sauter hat im Vorfeld jahrelang recherchiert.
  • Im Zentrum der filmischen Reise stehen nicht die Leiche, sondern die beiden Bestatter und ihre Gedanken zu Heimat und Tod.

Franco Spadea ist mit dem Zug in die Schweiz gekommen, zusammen mit Tausenden von Einwanderern aus Italien, die in den Siebzigerjahren auf der Suche nach Arbeit ihre Heimat verliessen.

Jahrzehnte später kehrt Franco in seinen süditalienischen Geburtsort Gasperina zurück – im Leichenwagen.

Flair eines Roadmovies

Es war der letzte Wille des kalabrischen Gastarbeiters, in heimischer Erde zu ruhen. Ein Lausanner Bestattungsunternehmen erfüllt ihm diesen Wunsch.

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Trailer zu «Calabria»

1:24 min, vom 29.6.2017

Die beiden Fahrer Jovan und José sind um die Überführung des Leichnams besorgt. In ihren dunklen Anzügen verleihen sie Francos letzter Reise das filmische Flair eines Roadmovies.

Tatsächlich ist «Calabria» aber ein Dokumentarfilm. Regisseur Pierre-François Sauter hat seine Protagonisten sorgfältig gecastet und mögliche Stationen der Reise in jahrelanger Vorarbeit recherchiert. Doch die Fahrt selbst, die Gespräche und freundschaftlichen Annäherungen der beiden Arbeitskollegen, verlaufen nicht nach Drehbuch.

Philosophischer Dialog, politische Pointe

So können wir aus nächster Nähe mitverfolgen, wie sich der Serbe Jovan und der Portugiese José gegenseitig ihre Biografien erzählen: Der serbische Sänger blieb nach einem Konzert der Liebe halber in Genf, José zog nach einer gescheiterten Ehe in die Schweiz. Regisseur Sauter muss die politische Pointe seiner Dokumentation nicht forcieren: Heimat ist dort, wo das Herz schlägt.

 Jovan und José stehen vor einer Grabplatte mit Blumen.

Bildlegende: Die beiden Herren im dunklen Anzug, Jovan und José, verleihen dem Film Poesie. Vinca Film

So unterschiedlich die Temperamente der beiden Bestatter sind, so ideal ergänzen sie sich auf der Leinwand.

Sie diskutieren über die Liebe, Musik und natürlich den Tod. Ob José glaube, dass der Verstorbene etwas von seiner Heimkehr spüre, fragt Jovan. Der Portugiese verneint: Tot ist tot, sagt er.

Die Landschaft im Gesicht

Was makaber klingt, ist tatsächlich so lebendig, hintersinnig und unterhaltsam, dass man gar nicht anders kann, als die Bestatter für ihre romantischen Anflüge und ihre professionelle Melancholie zu mögen. Sie verfahren sich, essen Erdbeeren und knipsen Erinnerungsfotos.

Die Motive bekommt das Publikum nie zu sehen, weil die Kamera fast ausschliesslich auf die Gesichter der Fahrer gerichtet bleibt. Das ist kein Verlust, im Gegenteil: Die Landschaft zieht sozusagen durch die Gesichter der Betrachter hindurch, was unglaublich fesselt.

Der Tote wird zur Nebensache

Zwei Kinostunden dauert die Reise nach Kalabrien, keine Minute davon ist zu viel. Zuweilen vergisst man dabei fast den Toten in seinem Sarg, der rechtzeitig zu seiner Beerdigung eintrifft. Doch der Weg ist auch in «Calabria» das eigentliche Ziel, und dieser Weg ist gepflastert mit poetischer Lebensfreude.

Kinostart: 29.6.2017

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 28.6.17, 16:50 Uhr

SRF-Koproduktion

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat diesen Film koproduziert.