«Homeland» – der Feind im eigenen Haus

Nach Serien wie «24» und «Rubicon» zeigt nun auch «Homeland», wie tief Misstrauen und Verschwörungsdenken nach den Attentaten von 2001 in den US-Alltag gesickert sind. Paranoia als gesellschaftlicher Zustand hat im US-Kino und Fernsehen allerdings eine Tradition, die weit vor «9/11» zurückreicht.

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Homeland vom 07.02.2013

0:34 min, vom 7.2.2013

Lose auf der israelischen Serie «Hatufim» (auch als «Prisoners of War» bekannt) basierend erzählt «Homeland» in der ersten Staffel davon, wie die brillante, aber psychisch labile CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) den nach achtjähriger Geiselhaft heimgekehrten US-Marine Nicholas Brody (Damian Lewis) als Schläfer verdächtigt und ihn nun entlarven will.

Dabei operiert sie auf dünnem Eis. Ausser einer fixen Idee ist da nämlich nichts. Carries Verdacht fusst auf der vagen Behauptung eines feindlichen, inzwischen hingerichteten Irakers, wonach es Al-Qaida gelungen sei, einen gefangenen US-Soldaten umzudrehen. Weshalb nun ausgerechnet Brody der Verräter sein soll – nach Jahren im Folterkeller fraglos ein gezeichneter Mann – kann die Agentin keinem schlüssig erklären.

Komplexer als die Erfolgsserie «24»

Das offizielle Plakat der preisgekrönten Serie Homeland.

Bildlegende: Das offizielle Plakat der preisgekrönten Serie. Fox 21

«Homeland» erinnert nicht von ungefähr an «24», den Strassenfeger der Nullerjahre. Mit Alex Gansa und Howard Gordon sind die zwei Produzenten/Autoren von «24» auch bei «Homeland» federführend dabei und haben dafür gesorgt, dass die Twists und Turns, das Verbergen, Entdecken, Irreführen und Geraderücken über die ganze Staffel schweisstreibend spannend bleiben. 

Im Unterschied zum Superagenten Jack Bauer, dem im hektischen «24» jeweils ein Tag blieb, um als Verlängerung eines gigantischen High-Tech-Arsenals das Böse zu stoppen, ist Carries Figur weit komplexer angelegt. Bauer mochte keine moralische Instanz sein – bei Bedarf folterte er auch schon mal selber mit. Gleichwohl zweifelte man als Zuschauer nie ernsthaft an seiner Integrität, und auch nicht daran, dass er sich für das Wohl des Landes jederzeit sofort opfern würde.

Der Anti-Jack-Bauer

Carrie dagegen ist ein kranker Mensch, sie leidet an einer bipolaren Störung. Tablettensüchtig und von Selbstzweifeln zerfressen, peinigt sie der Gedanke, sich in der Vergangenheit mit ihren Warnungen nicht durchgesetzt und damit den Tod Tausender indirekt mitverantwortet zu haben. Die Agentin traut seitdem ihrer verzerrten Intuition mehr als jenen «Facts & Figures», die der riesige Spionageapparat tagtäglich ausspuckt. Hierin ist auch Carries Reserviertheit gegenüber der CIA und deren intriganter Führung begründet, obwohl sie weiss, dass sie selbst Teil jenes Systems ist, das die Wahrheit je nach Bedarf selbst produziert. 

Von «Rubicon» inspiriert

Carrie Mathison ist ein Anti-Jack-Bauer und damit vor allem auch das Produkt von Henry Bromell, einem weiteren Showrunner von «Homeland». Dieser hatte vor drei Jahren mit der wenig bekannten, aber von Kritikern hochgelobten AMC-Serie «Rubicon» das Spionage-Terrain ein erstes Mal beackert. Erzählt wurde die Geschichte einer kleinen unauffälligen Analysten-Truppe, die im New Yorker Büro Daten aus aller Welt auswertet und so die Grundlage für Geheimoperationen der USA im Ausland liefert.

Dabei verzichten die hochintelligenten Nerds auf fast allen technischen Firlefanz. Lieber verlassen sie sich aufs Köpfchen und produzieren so wertvolle Resultate abseits des Dienstweges. Es ist aber auch gerade die unkonventionelle Arbeitsweise, welche dazu führt, dass sie auf einem ihrer Umwege schnurstracks in eine hausgemachte tödliche Verschwörung hineingeraten.

Die legendäre Paranoia der 70er Jahre

Das Plakat der US-Serie «Rubicon» (2010).

Bildlegende: Das Plakat der US-Serie «Rubicon» (2010). AMC

Vorbildcharakter für «Rubicon» hatte laut Henry Bromell der in den 60er- und 70er-Jahren populäre Verschwörungsthriller. Damals nahmen in Filmen wie «Three Days of the Condor» (1975), «The Parallax View» (1974) oder «All the President’s Men» (1976) junge zornige New-Hollywood-Mavericks die grassierende Verschwörungsmentalität auf, die seit der Ermordung von John F. Kennedy 1963 auch liberal eingestellte Bevölkerungsschichten ergriffen hatte. In den 70er-Jahren war die Meinung weit verbreitet, dass dunkle Kräfte am Werk waren, die nach Rassenunruhen, Anti-Vietnamkriegsdemos und dem «Summer of Love» verlorene Kontrolle über die Bevölkerung zurückzugewinnen.

Angeheizt wurde die Paranoia durch Ereignisse wie die Watergate-Affäre, deren Dimension zeigte, wie zerrüttet das politische System der USA in Wirklichkeit war. Der Präsident, als Betrüger entlarvt, war ein Verbrecher. Alles schien möglich. Der militärisch-industrielle Komplex, die Mafia möglicherweise, höhlten nach dieser Lesart systematisch die demokratischen Institutionen aus, installierten ihre politischen Marionetten und verfolgten nun gnadenlos all jene, die einen verbotenen Blick hinter die Kulissen geworfen hatten.   

«Invasion der Körperfresser»

Den liberalen Verschwörungsfantasien waren in den 50er-Jahren regelrechte Paranoia-Wellen von rechts vorangegangen. Der kalte Krieg eskalierte, und bodenständige Amerikaner nahmen es selbst in die Hand, befeuert von Gestalten wie Kommunistenjäger Joseph McCarthy oder dem sinisteren CIA-Boss J. Edgar Hoover, den unschuldig wirkenden Nachbarn als Agenten einer fremden Macht zu enttarnen.

Die Hatz auf alles unamerikanisch Fremde – Kommunisten, Afro-Amerikaner, Schwule, Künstler, Intellektuelle – wurde zum Wesenszug ganzer Gesellschaftsschichten, wobei sich jene Amerikaner, denen «Fremdheit» nicht ins Gesicht geschrieben war, immer schon besonders verdächtig machten. 

Perfekt vermittelt diese vergiftete Atmosphäre der 1956 entstandene Paranoia-Thriller «Invasion of the Body Snatchers» («Invasion der Körperfresser»). Geschildert wird hier, wie die Mitglieder einer Kleinstadtgemeinschaft von Ausserirdischen befallen und nach einem Verpuppungsprozess zu willenlosen Ebenbildern ihrer selbst mutieren. War die Angst vor dem Fremden von Hollywood zuvor mit billigen «Fliegende-Untertassen-und-Monster-greifen-an»-Filmen bedient worden, gab es diesmal keinen eindeutigen Feind, dem man zur Beseitigung rasch eine Atombombe in den grausigen Schlund werfen konnte. Der Unverdächtigste war im Zweifel nun der Gegner und die paar wenigen Freunde, die geblieben waren, glaubten dem Verzweifelten kein Wort. 

«Botschafter der Angst» als Vorbild

Das offizielle Plakat von «The Manchurian Candidate» (1962).

Bildlegende: Das offizielle Plakat von «The Manchurian Candidate» (1962). Wikimedia

1956 waren es noch unsichtbare Aliens gewesen, die brave Amerikaner in willenlose Agenten einer bösen Macht verwandelten. Der 1962 entstandene «The Manchurian Candidate» («Botschafter der Angst») nannte den Aggressor aber beim Namen: Es war der infame Rotchinese. Koreakrieg-Veteran Ben Marco (Frank Sinatra) wird von einem ständig wiederkehrenden Alptraum gebeutelt. Eingebettet in ein surreal anmutendes Setting erlebt er dabei wieder und wieder, wie sein Unteroffizier Raymond Shaw (Laurence Harvey), einen anderen Soldaten, der mit ihnen in Kriegsgefangenschaft war, erwürgt – und zwar auf Kommando eines chinesischen Wissenschaftlers.

Der Traum und seine unbewältigte Kriegserinnerungen verwandeln Marco in ein Wrack, so dass ihn die Armee schliesslich freistellen muss. Der sich nutzlos fühlende Marco sucht darauf den Kontakt zu Shaw, der nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft mit Orden dekoriert wurde und sich nach oben gearbeitet hatte. Gleichwohl findet Marco einen unglücklichen Menschen vor, der zur wandelnden Leiche mutiert ist und am Gängelband der dominanten Mutter und des Senator-Stiefvaters – beide geifernde Antikommunisten – hängt.

Bei Ben Marco verdichtet sich daraufhin – genau wie bei seiner «sister in arms» Carrie Mathison 50 Jahre später – ein Verdacht zur fixen Idee. Nämlich, dass sein Traum die Erinnerung an tatsächlich Geschehenes sei, und der zum Helden emporgejubelte Shaw mittels Gehirnwäsche zum Agenten einer fremden Macht umgepolt worden ist.

Ob 1956 oder 2013: Das Misstrauen bleibt

Wie sich Misstrauen, Angst vor Identitätsverlust und Paranoia in die US-Gesellschaft und ihr soziales Beziehungsgefüge hineinfressen, zeigen «The Manchurian Candidate» sowie sein Wiedergänger von 2012 «Homeland» mustergültig. Der Twist des «Manchurian Candidate», wonach die Kommunisten eine gut situierte weisse Oberklassenfamilie infiltrierten und im Gewand eines glühenden Antikommunisten, der untrüglich die Züge von Senator McCarthy trägt, die USA zu übernehmen trachten, war 1956 eine Sensation.

2013 reicht allein die fixe Idee, ein Verdacht, das clever gestreute Gerücht, um eine zerstörerische Dynamik zu initiieren, die, einmal in Gang gesetzt, niemand aufhalten kann. Vom «Homeland» ist nur die leere Hülle geblieben. Nie wieder wird man sich sicher sein, ob der, der die Heimat am vehementesten zu verteidigen vorgibt, in Wirklichkeit nicht derjenige ist, der – bewusst oder unbewusst – am wirkungsvollsten ihren Untergang herbeiführt.

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