Neu im Kino In «Get Out» kippt der Humor in den Horror

In seiner schwärzesten Variante lässt sich Humor kaum mehr vom Horror unterscheiden. So einen Film hat der afroamerikanische Regisseur Jordan Peele gedreht: Sein Regiedebüt «Get Out» ist eine furchterregend packende Satire auf den Rassenwahn.

Mann, dem Tränen übers Gesicht rinnen.

Bildlegende: Der Familienbesuch wird zum Albtraum: Daniel Kaluuya in «Get Out». Universal

Ein Verkehrspolizist will den Führerschein von Chris sehen. Rose protestiert: Sie sitzt am Steuer, wieso will der Polizist dann ihren Freund kontrollieren?

Chris beschwichtigt, er weiss, was dahinter steckt: Rose ist weiss, er ist schwarz. So läuft das eben in den USA, wo nicht einmal ein schwarzer Präsident gegen den Rassismus ankommt.

Ein Tauchgang in menschliche Abgründe

Es ist nur ein kleiner, alltäglicher Vorfall, den Regisseur Jordan Peele hier zum Auftakt seines Thrillers schildert. Darin steckt aber schon der ganze Horror, die Angst vor Ausgrenzung und Fremdbestimmung, die «Get Out» zu einem so klarsichtigen Tauchgang in menschliche Abgründe macht.

Frau und Mann sitzen an Tisch.

Bildlegende: Chris (Daniel Kaluuya) und seine Freundin Rose (Allison Williams). Universal

Dabei scheint zunächst alles in bester Ordnung. Roses wohlhabende Eltern, die das Paar in ihr abgelegenes Landhaus einladen, empfangen Chris mit ausgesuchter Herzlichkeit.

Seit vier Monaten sind die beiden ein Paar, und Roses Eltern nehmen an der Hautfarbe von Chris keinen Anstoss. Ganz im Gegenteil: Er würde Barack Obama jederzeit wiederwählen, erklärt der Vater. Und die schwarzen Bediensteten in seinem Haushalt gehörten sozusagen zur Familie.

Nichtraucher dank Hypnose

Auch Roses Mutter hegt allem Anschein nach nur lautere Absichten: Sie bietet Chris an, ihn von dessen Nikotinabhängigkeit zu befreien – durch Hypnose. Die Behandlung versetzt Chris einen gehörigen Schrecken, aber sie wirkt: Er habe aufgehört zu rauchen, erzählt Chris einem Freund am Telefon.

Der misstrauische Freund ist bestürzt. In hypnotisiertem Zustand könnte Chris dazu gebracht werden, alles Mögliche zu tun, warnt er: wie ein Hund zu bellen oder Schlimmeres.

Mann und Frau stehen nebeneinander, Frau hält Teetasse.

Bildlegende: Die netten Eltern: Dean (Bradley Whitford) und Missy (Catherine Keener). Universal

Hau ab!

Jordan Peele, der sich vor seinem Regiedebüt einen Namen als Stand-up-Comedian gemacht hat, stellt sein komödiantisches Timing auch in «Get Out» unter Beweis. Sein ätzender Humor lässt das ländliche Idyll allmählich ins Unheimliche kippen.

An einer Gartenparty muss sich Chris sexistische Bemerkungen anhören, ein unverfängliches Bingo-Spiel nimmt Züge einer Sklaven-Versteigerung an. Chris begegnet einem weiteren schwarzen Gast, der ihn unvermittelt anbrüllt: «Get Out» – hau ab! Aber da steckt Chris schon zu tief drin in diesem Albtraum.

Das geht unter die Haut

«Get Out» ist eine furchteinflössende Satire auf den Rassenwahn, der von den Vertretern einer mörderisch bigotten Mittelschicht praktiziert wird. Jordan Peele lässt seine Zuschauer an der Angst vor der Knechtschaft teilhaben, indem er uns durch die Augen von Chris blicken lässt.

Das Finale ist der nackte Horror, Chris liefert sich mit seinen Unterdrückern einen Kampf bis aufs Blut. «Get Out» ist ein Kinoerlebnis, das buchstäblich unter die Haut geht.

Kinostart: 04.05.2017

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 03.05.2017, 17:15 Uhr

Trailer

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