Iranischer James Dean liebt kopftuchtragende Blutsaugerin

Schon mal einen iranischen Vampir-Western gesehen? Bestimmt nicht. Jetzt haben Sie die Möglichkeit. «A Girl Walks Home Alone at Night» hat auf dem renommierten Sundance-Festival für Furore gesorgt. Ein gewagter Genre-Mix: «From Dusk Till Dawn» trifft auf «Spiel mir das Lied vom Tod».

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Iranischer Vampirfilm

3:27 min, aus 10vor10 vom 8.4.2015

Die Stadt heisst «Bad City». Eine fiktive Albtraumstadt in Schwarz-Weiss. In dem iranischen Industriekaff lebt die unterste Gesellschaftsschicht: Dealer, Junkies, Prostituierte. Die Stadt gleicht einer runtergekommenen Westernstadt der Neuzeit. Aber viel mehr erinnert sie an «Sin City», die fiktive Comic-Stadt von Frank Miller.

Die Heldin von «Bad City»: Ein seltsames Mädchen, das sich nachts aus dem Haus schleicht, um der trostlosen Gesellschaft das letzte bisschen Leben aus den Adern zu saugen. Sie ist ein Vampir. Ein ziemlich cooler noch dazu. Allein ihr Outfit könnte den nächsten Grufti-Hipster-Trend setzen: Streifenshirt, Caprihose und Tschador. Auf die Jagd geht sie mit dem Skateboard. Ihre Opfer: Böse Männer. Ein ziemlich starkes Frauenbild.

Mädchen mit Finger im Mund

Bildlegende: Bissig. Die iranisch-amerikanische Schauspielerin Sheila Vand. Praesens Film

Starkes iranisches Blut

«A Girl Walks Home Alone at Night» wird als erster iranischer Vampirfilm verkauft. Aber das stimmt nicht ganz. Denn der Film ist im besten Fall ein halb-iranisches Kind. Wie seine Mutter. Regisseurin Ana Lily Amirpour ist Amerikanerin mit iranischen Wurzeln. Ihre Eltern flohen 1979, nach der Iranischen Revolution, aus dem Land. «A Girl Walks Home Alone at Night» entstand in den USA. Die iranische Zensur hätte einen Film mit so einem starken feministischen Ansatz nie genehmigt. In den USA konnte die Regisseurin ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Dass sie den Film auf Persisch mit iranischen Darstellern drehte, zeigt, wie stark sie sich ihrer Herkunft verbunden fühlt, ohne dass sie je im Iran gelebt hat.

Ana Lily Amirpour schuf ihren eigenen Iran – eine albtraumhafte Westernstadt. Darin vereinte sie Film-Genres, die sie seit ihrer Kindheit cool findet: Vampir, Western, Horror und Romantik. Für die Besetzung trommelte sie alle Exil-Iraner zusammen, die sie, auf der Welt verstreut, kannte. Fertig ist der erste iranische Vampir-Western.

Mann im weissen T-Shirt mit Zigarette.

Bildlegende: Der ewige Rebell. Nicht James Dean sondern der iranisch-deutsche Schauspieler Arash Marandi Praesens Film

Eine Welt voller Genre-Überraschungen

Auf die Geschichte kommt es nicht wirklich an. Auch wenn der Film mit der seltsamen Romanze zwischen Vampir-Girl und James-Dean-Boy seine humorvollen Seiten hat: Worauf es ankommt, ist der Stil und die Stimmung. Der Zuschauer wird überrascht mit einem Genre-Mix, den es so noch nie zu sehen gab. Für das Auge gibt es ästhetische Schwarz-Weiss-Aufnahmen mit gekonnten Licht-Akzentuierungen. Akustisch beschwingt der Soundtrack, der von persischem Indie-Pop zu Neo-Wild-Western-Klängen à la Ennio Morricone reicht. Dazu rattert einsam in der Nacht das Skateboard auf dem rauen Asphalt.

Ein Mädchen geht nachts alleine nachhause. So lautet der Filmtitel übersetzt. Ein bedrohlicher Titel. Doch wenn das Mädchen ohne Namen nachts alleine nachhause geht, ist es sie, die den düsteren Gestalten das Fürchten lehrt.

Kinostart: 09.04.2015