Jake Gyllenhaal vergiesst als Boxer Blut und Tränen

Der 34-Jährige spielt in «Southpaw» einen Instinktboxer mit tollkühnem Kampf- und Lebensstil. Ohne Deckung agierend, nimmt er Schläge in Kauf, bis ihn ein Schicksalsschlag auf die Bretter schickt. Umwerfend ist Antoine Fuquas Boxerdrama nicht – auch wenn Jake Gyllenhaal wie ein wilder Stier fightet.

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Keine 3 Minuten: «Southpaw»

2:14 min, aus Keine 3 Minuten – Die Filmkritik für Eilige vom 19.8.2015

Am Anfang hat Boxweltmeister Billy Hope (Jake Gyllenhaal) alles, was er sich wünschen kann: eine hübsche, kluge Frau (Rachel McAdams), eine süsse, smarte Tochter (Oona Laurence) und eine makellose Kampfbilanz. Doch dann – man ahnt es schon – riskiert er zu viel und verliert in Rekordzeit alles. Erst als ihn alle abgeschrieben haben, beginnt er sich mit Hilfe eines umsichtigen Amateur-Trainers (Forest Whitaker) aufzurappeln. Frei nach einem uralten Motto, dessen plakativer Klang bereits in seinem Namen Hope steckt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

    • Nahaufnahme von Gangsta-Rapper 50 Cent als schmieriger Boxpromoter Jordan Mains.

      Bildlegende: Modebewusst wie eh und je: Gangsta-Rapper 50 Cent als Box-Manager Jordan Mains. Ascot Elite

      Das stärkste Zitat

      Gangsta-Rapper 50 Cent spielt in «Southpaw» einen zwielichtigen Box-Promoter, für den nur eines zählt: das Geld, das in seine Kasse fliesst. «Ich regle für Billy das Geschäftliche seit zehn Jahren. Ich weiss, was am besten für ihn ist.» Billys schlagfertige Gattin kontert: «Und ich bin seit gefühlten hundert Jahren seine Frau. Ich weiss am allerbesten, was gut für ihn ist!» Die finanziellen Winkelzüge, welche 50 Cent in Wirklichkeit betreibt, machen diesem Dialog besonders reizvoll. Trotz eines geschätzten Vermögens von 152 Millionen Franken hat er vor kurzem Privatinsolvenz angemeldet. Der umtriebige Geschäftsmann will seiner Ex-Freundin nicht die 5 Millionen Dollar Schmerzensgeld bezahlen, die ihr laut Gerichtsentscheid zustehen. Daher gibt er vor, jeden Cent zweimal umdrehen zu müssen, sprich: pleite zu sein. So ein Schlawiner!

    • Regisseur Antoine Fuqua

      Bildlegende: Der 49-jährige Actionspezialist auf dem Set von «Southpaw». Ascot Elite

      Der Regisseur

      Regisseur Antoine Fuqua weiss, wovon er in «Southpaw» erzählt. Schliesslich stand er einst selbst im Ring. Darum liess er es sich nicht nehmen, Jake Gyllenhaal das ABC des Boxens höchstpersönlich beizubringen. Im Netz sind diverse Clips zu finden, die dokumentieren, wie Fuqua aus Gyllenhaal einen Fighter formte. Ob der Regisseur tatsächlich zweimal täglich mit seinem Schützling das Gym besuchte, sei dahingestellt. Werbewirksam sind die gemeinsamen Trainings-Aufnahmen allemal. Gelernt ist gelernt – schliesslich verdiente Fuqua sein Geld zunächst mit Werbeclips und Musikvideos. 1998 folgte mit «The Replacement Killers» sein Debüt als Spielfilmregisseur. Sein gradliniges Action-Kino gefällt dem breiten Publikum meist besser als den Kritikern. Nur einmal gab’s von allen Seiten Applaus: 2001 für «Training Day».

    • Jake Gyllenhaal in amerikanischer Einstellung als Boxer Billy Hope.

      Bildlegende: In der Not ändert Billy Hope seinen Boxstil und wird zum «Southpaw». Ascot Elite

      Fakten, die man wissen sollte

      Als «Southpaws» (wörtlich übersetzt: «Südpfoten») bezeichnet man im Boxzirkus die Linkshänder. Oder genauer: diejenigen Kämpfer, die mit links die harten Treffer landen und mit rechts führen. Bei uns spricht man im Fachjargon von Rechtsauslegern. In Amerika sind «Southpaws» verpönt; ihr Kampfstil wird dort als schmutzig empfunden. Warum? Weil er Boxern, die «richtig herum» kämpfen, mangels Übung oft Mühe bereitet. Für «Southpaws» ist es deswegen viel schwieriger, Gegner zu finden, die mit ihnen in den Ring steigen wollen. Der ehemalige Schwergewichts-Weltmeister Mike Tyson wurde darum bereits in jungen Jahren umgepolt: vom «Southpaw» zum «Linksausleger» (Rechtshänder). In Deutschland haben Rechtsausleger (Linkshänder) dagegen Tradition: Bubi Scholz, Henry Maske und Graciano Rocchigiani gehören in diese Kategorie.

    • Coach Tick Wills (Forest Whitaker) mit seinem gezeichneten Schützling (Jake Gyllenhaal).

      Bildlegende: Underdogs unter sich: Coach Tick Wills (Forest Whitaker) mit seinem gezeichneten Schützling. Ascot Elite

      Das Urteil

      Jake Gyllenhaal stellt mit «Southpaw» einmal mehr seine aussergewöhnliche Wandelbarkeit unter Beweis. Ob als schwuler Cowboy («Brokeback Mountain»), soziopathischer Kameramann («Nightcrawler») oder nun als muskelbepackter Haudrauf: Gyllenhaal meistert jeden Part. Ganz egal wie viel er zu- oder abnehmen muss, um zum gewünschten Charakter vorzudringen. Formal und inhaltlich ist «Southpaw» leider äusserst konventionell. Regisseur Antoine Fuqua hat darauf verzichtet, dem Genre oder dem Boxer-Milieu neue Aspekte abzugewinnen. So verkommt das routiniert inszenierte Kämpfer-Melodram mit zunehmender Länge zum Durchhaltestück. Die vielleicht grösste Enttäuschung sind aber die Dialoge, die immerhin von «Sons of Anarchy»-Schöpfer Kurt Sutter stammen. Bloss Floskeln und langweiliges Macho-Gehabe!

Kinostart: 20.8.2015