Neu im Kino Jeder ist ein Künstler, keiner ist wie Joseph Beuys

Eine Doku-Collage aus Archivbildern zeigt, wie Beuys die Welt veränderte. Dank seines Dachschadens, wie er selbst sagte.

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Der Künstler Joseph Beuys

1:19 min, vom 1.6.2017

Das Wichtigste in Kürze:

  • Joseph Beuys war eine moderne Ikone, die den Kunstmarkt nachhaltig prägte.
  • Beuys' Werke polarisieren. Manche sehen sie als visionäre Kunst, andere nannten seine Objekte «teuren Sperrmüll».
  • Der Dokumentarfilm «Beuys» besteht fast ausschliesslich aus Archivmaterial. Das Künstlerporträt unterhält und bildet.

Der Hut war nicht nur Joseph Beuys' Markenzeichen; er erfüllte auch eine Schutzfunktion. Denn es ziehe im Oberstübchen, seitdem sein Kampfflieger 1943 abgeschossen wurde, wie Beuys im Film erzählt.

Geistig hat ihn der Abschuss aber geradezu beflügelt. Er inspirierte ihn zu zahlreichen Kunstwerken. Als diese nach dem Krieg schliesslich in den renommiertesten Museen der Welt zu sehen waren, hielt Beuys rückblickend fest: «Man hat mich damals zurechtgeschossen.»

Wahrhol, ein Bruder im Geiste

Sätze wie diese zeigen, wie medienwirksam sich der Bildhauer und Aktionskünstler zu inszenieren wusste. Im Laufe der späten 1960er-Jahre entwickelte sich der Vielbegabte gar zur deutschen Antwort auf Andy Warhol. Die beiden galten als Brüder im Geiste.

Fakt ist: Beuys und Warhol wurden zu modernen Ikonen und prägten den Kunstmarkt nachhaltig. So durfte Joseph Beuys 1979 als erster lebender europäischer Künstler im New Yorker Guggenheim-Museum seine Werke präsentieren.

Beuys will be Beuys

Auch in Amerika polarisierte Beuys mit seinen rätselhaften Schöpfungen. Einige Besucher fanden, die Ausstellungsstücke sähen aus wie «Überreste einer Baustelle» und nannten sie den «teuersten Sperrmüll aller Zeiten.»

Beuys begrüsste emotionale Reaktionen wie diese: «Ist doch gar nicht schlimm, wenn die Leute aggressiv werden. Lass' sie doch ruhig aggressiv werden. Da kommt man wenigstens mit den Leuten ins Gespräch. Provokation heisst immer: Auf einmal wird etwas lebendig.»

Beuys zeichnet etwas auf den Boden, Studenten beobachten ihn interessiert.

Bildlegende: Der Meister in Aktion. zeroonefilm

Dennoch war provozieren bei Beuys nie Selbstzweck. Dem international hofierten Querkopf ging es um mehr: die Ausweitung des Kunstbegriffs. Als Professor der Düsseldorfer Kunstakademie lehrte er: Alles ist Kunst, jeder ein Künstler.

Eine Begrenzung der Studentenzahlen liess ein solch soziales Credo freilich nicht zu. Statt 30 Schüler befanden sich flugs 268 in seiner Klasse, nachdem er alle Abgewiesenen selbst aufgenommen hatte.

Dem späteren Bundespräsidenten Johannes Rau ging das zu weit, weshalb er dem revolutionären Idealisten fristlos kündigte.

Mehr als Filz und Fett

Regisseur Andres Veiel will die oft unverstandene Kunst von Joseph Beuys mit seinem 107-minütigen Film nicht erklären. Veiels Dokumentation, die ohne Kommentar auskommt, ist vielmehr selbst ein kleines Kunstwerk. Eines, das plastisch aufzeigt, was den Menschen Beuys antrieb. Und das darauf verzichtet, oberflächliche biographische Bezüge zu Beuys' bevorzugten Materialien Filz und Fett zu reproduzieren.

Chronologie und Orte verschwimmen immer wieder in diesem fast ausschliesslich aus Archivmaterial montierten Film. Der Mensch und Künstler Beuys tritt in Veiels formvollendeter Collage kaum bekannter Dokumente umso klarer hervor: Streitend, schwitzend, dozierend.

Regisseur Andres Veiel hat sich dafür durch 400 Stunden Bildmaterial, 300 Stunden Tonaufnahmen und 20'000 Fotos gekämpft. Es hat sich gelohnt. Das Ergebnis ist keine verfilzte Biographie, sondern ein Künstlerportrait, das gleichermassen unterhält und bildet.

Jenseits der Kunst

Ins Auge stechen dürfte dem Publikum besonders die Wirkung, die Beuys jenseits der Kunstwelt ausübte. So endet der Film interessanterweise nicht mit dem Tod von Beuys, sondern mit seinen Visionen von einem alternativen Wirtschaftssystem.

Was Beuys über die Kapitalströme sagte, klingt mit Blick auf die jüngste Finanzkrise recht hellsichtig: «Heute ist Geld eine Ware, die handelbar ist. Man kann damit spekulieren. Die Macht des Geldes muss daher gebrochen werden.»

Beuys mit Hut, Mantel und Zigarette.

Bildlegende: Beuys war ein Visionär, der kaum verstanden wurde. zeroonefilm

Den Grünen zu bunt

Was viele nicht wissen: Beuys war in den frühen 1980er-Jahren einer der Gründer der Grünen Partei Deutschlands. Seine Kapitalismuskritik fanden dort jedoch viele zu radikal, sein Auftreten zu exzentrisch.

Statt Beuys als Galionsfigur für den Bundestag zu nominieren, hiess es darum bald: «Bleib bei deinem Fett! Du kostest uns Stimmen.»

Ein Grüner, der neben Warhol auf Platz eins im Kunstmark-Ranking stand – das schien der Partei dann doch zu widersprüchlich.

Dabei sind es genau diese Brüche, die Beuys so authentisch machen. Die Redlichkeit seiner Vision ist bis heute unbestritten. Beuys ging es um das grosse Ganze, die soziale Plastik: Die Gesellschaft, die jeder Bürger mitgestalten sollte. Darum war für Beuys jeder Mensch ein Künstler.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 1.6.2017, 7:20 Uhr.

Kinostart: 1. Juni 2017

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