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Film & Serien Jeremy Irons' wunderliche Reise ins Land der starken Akzente

Was macht man als Produzent mit einem Schweizer Stoff, der die Massen ins Kino locken soll? Man verpflichtet ein europäisches Star-Ensemble und dreht auf Englisch. Ein kluger Schachzug? Nein, denn die Umformung des Bestsellers «Nachtzug nach Lissabon» zum potentiellen Blockbuster hat ihre Tücken.

Legende: Video Neustart der Woche: «Nachtzug nach Lissabon» (CH / D / P 2013) abspielen. Laufzeit 5:45 Minuten.
Aus Box Office vom 03.03.2013.

Jede Buchverfilmung steht vor demselben Problem: Damit der Stoff als Film funktioniert, muss die Geschichte gerafft und Unsichtbares sichtbar gemacht werden. Bei Romanen, in denen die Handlung der Motor ist, ist die Aufgabe einfacher als bei Stoffen, in denen die innere Entwicklung der Figuren im Zentrum steht.

«Nachtzug nach Lissabon» gehört mit seinen endlosen inneren Monologen und philosophischen Exkursen zweifellos zur letzteren Gruppe. Es geht um den Berner Lateinlehrer Raimund Gregorius (gespielt von Jeremy Irons), der plötzlich aus seinem Alltagstrott ausbricht, um einen portugiesischen Schriftsteller zu suchen.

Charmanter, aber ungreifbarer Jeremy Irons

Jeremy Irons verleiht der Hauptrolle viel Charme, vielleicht zu viel, um den als Langweiler beschriebenen Gregorius glaubhaft zu verkörpern. Durch seine omnipräsente Kommentarstimme wirkt der Held der Geschichte als Figur zudem seltsam ungreifbar. Fast so, als ob er seine Reise nur träumen würde.

Schliesslich wirken auch die Geschehnisse allzu unwirklich: Da macht sich ein Schweizer in Portugal auf die Spuren eines unbekannten Schriftstellers und alle scheinen nur auf ihn gewartet zu haben. Jede Dienstmagd und jeder Klosterbruder öffnet ihm Tür und Tor, obwohl Gregorius bei seinen Recherchen tief in die Abgründe der jüngeren portugiesischen Geschichte dringt.

Legende: Video Bruno Ganz über sein Engagement in «Nachtzug nach Lissabon» abspielen. Laufzeit 1:12 Minuten.
Vom 28.01.2013.

Heldenreise eines Schweizer Bünzlis

Schnell wird klar, dass der gesuchte Autor als Revolutionär im Kampf gegen die brutale Salazar-Diktatur Mitte der 1970er Jahre sein Leben verlor. Wie es dazu kam, sehen wir in wunderschön gefilmten Rückblenden voller Liebe, Täuschung und Verrat.

Bruno Ganz spielt den Portugiesen Jorge O'Kelly
Legende: Das Gewirr der Sprachen: Bruno Ganz spricht die englischen Textzeilen seiner Rolle des Portugiesen Jorge O'Kelly in Schweizer Diktion. Concorde Filmverleih

Wenn Gregorius am Ende gesteht, wie sehr er diese Intensität in seinem Leben vermisst, trifft er damit auch einen wunden Punkt des Films: In der Haupthandlung, der wundersamen Heldenreise eines Schweizer Bünzlis, geschieht für einen knapp zweistündigen Kinofilm schlicht zu wenig.

Deutsch-englisch-portugiesisches Sprach-Wirrwarr

Als viel grösseres Problem entpuppt sich aber die Sprache der Originalfassung. Dass Jeremy Irons darin als Schweizer geschliffenes Englisch spricht, schluckt man dank seiner wunderbaren Stimme ohne Murren.

Wenn jedoch Martina Gedeck als gewissenhafte deutsche Schauspielerin versucht, Englisch mit portugiesischem Akzent zu sprechen, sorgt das für unfreiwillige Lacher. Noch absurder wird die ganze Angelegenheit bei Bruno Ganz, der trotz unverkennbar schweizerischer Diktion seiner englischen Textzeilen einen Portugiesen verkörpert.

Allen Freunden des Sehnsuchts-Romans sei darum für einmal nicht das Leinwand-Original, sondern die deutsche Synchronfassung empfohlen.

Legende: Video Melancholie mit Staraufgebot abspielen. Laufzeit 4:24 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 18.04.2012.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Saner, Ebikon
    Ein weiteres Positivbeispiel sind zum Beispiel die alten Spencer-Hill-Komödien. Da ist neben den Sprechern auch Autor Rainer Brandt als vergessener Held zu nennen, welcher die Dialoge nicht nur übersetzt, sondern viele der bei uns so zum Kult gewordenen Einzeiler-Sprüche überhaupt erst eingefügt hat. Puritaner kritisieren die Verfälschung der Originalwerke – ich liebe diese Schenkelklopfer, und bezweifle ob die Filme bei uns ohne sie eine solche Institution geworden wären.
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  • Kommentar von Daniel Saner, Ebikon
    Da kann ich M. Pestalozzi zustimmen, allerdings sind diese Positivbeispiele seit den 80ern oder 90ern sehr selten geworden. Heute gibt es zu viele übertheatralische deutsche Synchronsprecher die sich, ohne Gespür für ihren Charakter oder Verständnis der Situation, in Szene setzen wollen. Bei den meisten neueren US-Filmen muten da selbst die dramatischsten Szenen durch übertriebenes Gejodel wie eine primitive Gaudi-Komödie. Im Vergleich zu älteren Synchronfassungen stellen sich da die Haar...
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  • Kommentar von M. Pestalozzi, Zürich
    Vielen Dank für diesen unterhaltsamen Artikel. Die mit Synchronfassungen beauftragten Künstlerinnen und Künstler sind häufig "anonyme Helden", die einen wesentlichen Beitrag zur Qualität des Werks leisten. Ich halte mein Englisch für recht gut, und ich sehe viele Filme in der Originalversion. Ich kenne verschiedene Titel, die ich in der deutschen Synchronfassung besser finde als im Original.
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