Kalter Krieg auf dem Schachbrett

Es ist ein Gipfeltreffen der intellektuellen Art: Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges fordert der US-amerikanische Schachspieler Bobby Fischer den russischen Weltmeister Boris Spasski zum Duell heraus. Der Spielfilm «Pawn Sacrifice» zeigt, wie zwei Egos und Weltanschauungen aufeinanderprallen.

Ein Mann in weissem Hemd und hellblauem Jackett beugt sich konzentriert über ein Schachbrett.

Bildlegende: Vom gefeierten Wunderkind zum heimatlosen Holocaust-Leugner: Bobby Fischer (Tobey Maguire), tief gefallenes Schachgenie. Ascot Elite

Island 1972: Am Ende der sechsten Partie fängt der russische Schachweltmeister Boris Spasski an zu klatschen, und der ganze Saal stimmt in den Beifall mit ein. Spasskis Herausforderer, der US-Amerikaner Bobby Fischer, hat überirdisch gut gespielt und weiss das auch. In der Verfilmung des Jahrhundertwettkampfes verlässt der sonst so grossspurig auftretende Fischer, gespielt von Tobey Maguire, die Bühne des Turniers trotzdem still wie ein Verlierer.

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Trailer «Pawn Sacrifice»

2:27 min, vom 24.12.2015

Ideologischer Stellvertreterkrieg

«Pawn Sacrifice» (Bauernopfer) von Regisseur Edward Zwick bewegt sich in zwei Dimensionen: einer geopolitischen und einer psychologischen. Das zeichnet den Film aus.

Auf dem Höhepunkt des Kalte Krieges haben sich die beiden konkurrierenden Atommächte USA und Russland militärisch zwar gegenseitig schachmattgestellt. Doch die Weltmeisterschaft in Island bietet Gelegenheit für einen ideologischen Stellvertreterkrieg und die Demonstration intellektueller Dominanz: Russland ist seit dem Zweiten Weltkrieg ungeschlagener Meister im Schach.

Mutter-Sohn-Konflikt

Der Herausforderer Bobby Fischer ist dagegen nur «der Junge aus Brooklyn», Kind einer alleinerziehenden Mutter, die in Zürich zur Welt kam und in ihrem New Yorker Apartment einen Zirkel für Kommunisten führte.

«Pawn Sacrifice» verknappt die prekären Familienverhältnisse zu einem Mutter-Sohn-Konflikt, der das Geltungsbedürfnis Fischers ins Unermessliche wachsen und ihn paranoid werden lässt: Er fühlt sich von den Russen bespitzelt und wittert hinter jeder noch so kleinen Kränkung seines Egos eine Verschwörung.

Filmstill: Ein Mann mit Sonnenbrille im hellen Anzug, umringt von dunkel gekleideten Herren.

Bildlegende: Fischers Gegner im Krieg der Schachwelten: Der Russe Boris Spasski, gespielt von Liev Schreiber. Ascot Elite

Das erratische Wunderkind

Im Gegensatz zum innovativen Schachwunder Fischer spielt «Pawn Sacrifice» streng nach den Regeln des Lehrbuchs: Bobby Fischers Aufstieg zur Schachlegende wird als eine zwar wunderliche, aber doch sehr amerikanisch geprägte Erfolgsgeschichte erzählt. Das Wunderkind randaliert verbal gegen den Schachverband, treibt Preisgelder in die Höhe und treibt die Gegner mit seinem erratischen Verhalten zur Weissglut und zu taktischen Fehlern.

Welchen Preis der spätere Holocaust-Leugner und staatenlose Weltenbummler für seine Höhenflüge zahlen wird, tönt der Film nur an: Bei der amerikanischen Regierung in Ungnade gefallen, wird das einst gefeierte Schachgenie auf Island, dem Ort seines grössten Triumphes, 2008 beerdigt werden. Gerade einmal fünf Personen nehmen am Begräbnis teil.

Die Besetzung macht den Film

Was «Pawn Sacrifice» vor der Formelhaftigkeit rettet, ist der menschliche Faktor: Die beiden Schach-Kontrahenten sind grossartig besetzt. Tobey Maguire spielt Fischer obsessiv und feinnervig genug, dass man sich trotz seiner Exzentrik um ihn sorgt. Liev Schreiber als Boris Spasski spricht nicht nur perfekt Russisch, er gibt Fischers Erzrivalen so charmant, dass man ihm jede gewonnene Partie gönnt.

Ihr Aufeinandertreffen macht den Film sehenswert. So beobachtet man atemlos, wie sich Bobby Fischer Zug um Zug zur Unsterblichkeit und damit ins gesellschaftliche Abseits spielt.

Sendung: Radio SRF 2, Kultur aktuell, 23.12.2015, 16:20 Uhr