«L'escale» sperrt den Zuschauer zu Migranten in die Kellerwohnung

Im Januar gewann «L'escale» den grossen Preis der Solothurner Filmtage für sein humanistisches Engagement. Jetzt läuft der Dokumentarfilm des Schweiz-Iraners Kaveh Bakhtiari im Kino. Er zeigt den zermürbenden Alltag von Flüchtlingen, die in Athen gestrandet sind. Ein Film mit klaustrophobischem Sog.

Zwei Männer schlafen, zugedeckt von bunten Decken

Bildlegende: «L'escale» entwickelt einen klaustrophobischen Sog, weil die Kamera die Kellerwohnung so gut wie nie verlässt. filmcoopi

«L'escale» ist «die Zwischenlandung» oder «Zwischenstation». Im Falle der Menschen, mit denen Kaveh Bakhtiari rund ein Jahr lang eine enge provisorische Kellerwohnung in Athen geteilt hat, ist diese Zwischenstation schon eher ein Limbo, eine Vorhölle, ein untotes Leben in existentieller Unsicherheit.

Die Keller-WG der Migranten

Bakhtiari stammt aus dem Iran, lebt in der Schweiz und hat die Filmschule in Genf absolviert. Als er in in Athen seinen Cousin besucht hat, ist er auf diese Migranten-Wohngemeinschaft gestossen. Eine Gruppe von völlig unterschiedlichen Männern zwischen 17 und 50. Sie alle haben die Ausreise aus ihrer Heimat geschafft. Sitzen aber nun in Griechenland fest. Halblegal oder illegal. Sie warten auf eine Chance, weiter ins hoffnungsvollere Europa reisen zu können.

Die Geschichten und das Leben dieser Männer – eine Frau taucht auch einmal auf – sind erschütternd monoton. Sie schwanken zwischen Verzweiflung, Heimweh und immer neuer Hoffnung. Der Film entwickelt einen klaustrophobischen Sog, weil Bakhtiari die Kellerwohnung mit seiner Handkamera so gut wie nie verlassen hat.

Der Zuschauer wird mit eingesperrt

Diese Entscheidung sei dem Inhalt geschuldet, nicht einfach formal, sagt der Filmemacher. Diese Männer hätten gegen Grenzen angekämpft. Er habe sich als Filmemacher ähnlich radikale Grenzen setzen wollen wie jene, unter denen seine Protagonisten zu leiden hatten.

So sitzt auch der Zuschauer in diesem Keller, bei den Männern. Sie kochen, vertreiben sich die Langeweile oder das Heimweh und schmieden immer neue, verzweifelte Reisepläne.

Er habe eine individuelle und einzigartige Begegnung zwischen dem Zuschauer und diesen Menschen schaffen wollen, sagt Kaveh Bakhtiari. Und darum habe er so gut wie alles weggelassen, was wie ein Aussenblick hätte wirken können: Die Stadt Athen als Setting, Griechenland und selbst jene Menschen, die nicht zur Notwohngemeinschaft gehören. Er habe die Wohnung nur verlassen, wenn einer seiner Protagonisten mit gutem Grund sie verlassen habe.

Furchtbar, aber fruchtbar

Nur diese radikale Subjektivität habe für ihn diesen Dokumentarfilm rechtfertigen können, sagt Kaveh Bakhtiari. Er habe mitgelebt, selber einen definierten dramaturgischen Platz im Geschehen eingenommen. Andernfalls hätte er besser einen Spielfilm gedreht, sagt der Filmemacher.

Die dokumentierte Subjektivität von «L’escale» ist ebenso furchtbar wie fruchtbar. Das ist kein schöner Film. Aber näher an dieses Limbo-Leben, diesen Zustand zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, hat noch kaum je ein Film geführt.

SRG-Koproduktion

Die SRG ist Koproduzentin dieses Films.