«La Famille Bélier»: das pralle Leben, auch wenn man nichts hört

Über 5 Millionen Menschen haben sich in Frankreich «La Famille Bélier» angeschaut. Dabei handelt dieser Film von nichts mehr als einer ganz normalen Familie. Ausser, dass bei den Béliers drei von vier Familienmitgliedern gehörlos sind. Ein humorvoller und berührender Film über eine unbekannte Welt.

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Sprechende Hände – Eine gehörlose Familie erobert das Kino

3:33 min, aus Kulturplatz vom 25.2.2015

Eines vorweg: Als die Schreibende zusammen mit einem Kameramann und einer Gebärdensprach-Dolmetscherin den Film in einer Pressevorführung sah, flossen beim ganzen Grüppchen zum Schluss die Tränen. Selbst der gestandene Kameramann schneuzte sich verschämt die Nase. Doch zuvor hatten wir uns glänzend amüsiert, denn die Geschichte von Paula Bélier und ihrer gehörlosen Familie ist voller Situationskomik und treffend geschilderter Charaktere.

Entdeckung eines Gesangstalents

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Trailer zu «La Famille Bélier»

2:37 min, vom 12.3.2015

Paula (Louane Emera), eine 16-jährige Schülerin, ist ein normaler Teenager mit normalen Teenagersorgen. Was sie von ihren Altersgenossen unterscheidet, ist die Verantwortung, die sie übernimmt – etwa wenn sie am Telefon mit den Lieferanten des Bauernbetriebs ihrer Eltern verhandelt.

Paulas Eltern (Karin Viard, François Damiens) sind nämlich gehörlos, ebenso der halbwüchsige Bruder (Luca Gelberg). Paula ist das Bindeglied, die Dolmetscherin zwischen der Aussenwelt und ihrer Familie, die untereinander in Gebärdensprache kommuniziert.

Die Béliers sind eine chaotische, temperamentvolle, lebenslustige Truppe, und die gegenseitige Liebe ist gross. Aber dennoch spürt Paula, dass sie ihr Elternhaus verlassen muss, um ihr eigenes Leben zu leben. Unerwartet stellt sich heraus, dass sie ein Gesangstalent ist. Möglicherweise darf sie zur Ausbildung nach Paris. Doch kann sie diesen Schritt machen? Weg von der Familie, die so auf ihre Unterstützung angewiesen ist?

Zerrissen zwischen Verantwortung und dem eigenen Lebenstraum

Der Film von Eric Lartigau schildert ein Dilemma, das typisch ist für hörende Kinder von gehörlosen Eltern. Überhaupt sei die Welt der Gehörlosen gut eingefangen, findet die Gebärdensprach-Dolmetscherin Käthi Schlegel. «Chapeau, wie gut die Schauspieler die Gebärdensprache innerhalb weniger Monate erlernt haben», sagt sie zur Leistung der Darsteller. «Und es ist auch schön zu sehen, dass Gehörlose ganz normal leben. ‹Unmöglich›, sagt die Mutter im Film, ‹das Wort gibt es nicht›. Warum sollte etwas unmöglich sein, nur weil man gehörlos ist?», fragt Käthi Schlegel.

Vater Bélier kandidiert sogar für das Amt des Bürgermeisters. Obwohl er mit seiner direkten, unverblümten Art – so wird eben in Gebärdensprache geredet – seine potenziellen Wähler schon mal vor den Kopf stösst. Auch hier sind Paulas Dolmetscherkünste gefragt. Und einmal mehr ist das Mädchen zerrissen zwischen Pflichtgefühl, Verantwortung und dem eigenen Lebenstraum.

Lässt selbst hartgesottene Journalisten nicht kalt

So ist «La Famille Bélier» auch ein Film über das Flüggewerden, über das Abschiednehmen von der geliebten Familie, über den damit verbundenen Schmerz. Und nichts könnte diese Gefühle besser transportieren als die Stimme Louane Emeras, die selber als Talent bei der Castingshow «The Voice» entdeckt und vor kurzem für die Rolle der Paula mit dem französischen Filmpreis «César» geehrt wurde.

In Verbund mit den gefühligen Chansons von Michel Sardou schafft es diese grossartige Stimme, selbst hartgesottene Journalisten zu Tränen zu rühren.

Kinostart: 12.03.2015