Lebenslust? Rasch behandeln! Mit Elektroschocks und Deckelbädern

Zwischen 1935 und 1981 wurden in der Schweiz Tausende Menschen gegen ihren Willen in die Psychiatrie gesteckt. Schon winzige Verstösse gegen die vorherrschende Moral reichten, um «administrativ versorgt» zu werden. Die Fallstudie «Das Deckelbad» zeigt die Brutalität psychiatrischer Zwangsmassnahmen.

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Unter der Lupe: «Das Deckelbad»

1:57 min, vom 23.4.2015

Katharina Walser entspricht nicht den Vorstellungen von Anstand und Sitte, denen man in den 1930er Jahren in der Ostschweiz huldigt. Ausserdem ist die kecke Kellnerin eine Ausländerin: Sie kommt aus Österreich.

Sabina Specker als Katharina Walser in einem Deckelbad.

Bildlegende: Deckelbäder - für freiheitsliebende Menschen purer Horror. Ascot Elite

Dorthin wünschen sich die konservativen Dorfbewohner die «Hexe, die den Männern den Kopf verdreht», zurück. Weil sie nicht geht, steckt man sie ins Irrenhaus, wo sie mit Elektroschocks und Deckelbädern zur Räson gebracht werden soll.

Unter einem Deckelbad muss man sich eine Wanne vorstellen, in welche Patienten stundenlang einsperrt wurden. Nur der Kopf blieb über Wasser, vom restlichen Körper mit einer Holzplatte abgeschirmt.

Ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte

Katharina Walsers Schicksal ist fast zu tragisch, um wahr zu sein. Und doch basiert «Das Deckelbad» auf harten Fakten. Nach jahrelanger Recherche schuf Kuno Bont mit der Hilfe von Zeitzeugen und Direktbetroffenen zuerst ein Theaterstück und nun einen Kinofilm. Damit bricht der Rheintaler Regisseur eine Lanze für all die Menschen, die im 20. Jahrhundert Opfer behördlicher Zwangsmassnahmen wurden. Von den damals «administrativ Versorgten» leben zwischen 15 und 20 Tausend noch heute in der Schweiz.

Vielversprechende neue Kino-Gesichter

Inszenatorisch wird der sechste Film des Autodidakten Kuno Bont seinem wichtigen Thema nicht ganz gerecht. Dass sich die Handlung der Low-Budget-Produktion über ein Vierteljahrhundert erstreckt, transportieren die Bilder eher schlecht als recht. Die Erzählweise in drei deutlich getrennten Akten scheint zudem mehr den Gesetzen des Theaters als denjenigen des Kinos zu folgen.

Dass einem das Drama dennoch in seinen Bann zieht, liegt in erster Linie an seinen starken Figuren und deren Darstellern. Mit Bonts Schauspiel-Entdeckung Simona Specker und ihrem fernseherprobten Filmpartner Gian Rupf sorgen gleich zwei unverbrauchte Leinwandgesichter für Gänsehaut.

«Das Deckelbad» startet am 23. April in den Kinos.

Zur Person

Gian Rupf blickt neben der Kamera vorbei. Er sitzt vor einer Hauswand aus Stein.

Ascot Elite

Gian Rupf ist Sprecher diverser SRF-Kulturformate. Im Internet leiht er seine Stimme der Fachredaktion Filmkritik, im TV ist er oft im «Kulturplatz» zu hören. Als Schauspieler trat er bisher vor allem im Theater und Fernsehen in Erscheinung. Nun trumpft der 47-Jährige auch im Kino auf: In «Das Deckelbad» spielt er die männliche Hauptrolle.