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«Lex Netflix»: Was sind die Folgen für die Filmbranche? Ein Expertengespräch
Aus Kultur-Aktualität vom 08.09.2020.
abspielen. Laufzeit 04:24 Minuten.
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Lex Netflix Filmexperte: «Der Schweizer Film soll besser werden»

Bundesrat und Parlament nehmen Streaming-Giganten ins Visier: Sie sollen den Schweizer Film fördern. Was bringt's? Die Einschätzung eines Filmjournalisten.

Das Bundesamt für Kultur will ausländische Streamingdienste zur Kasse bitten. Vier Prozent ihrer Einnahmen sollen sie in das Schweizer Filmschaffen investieren. Der Nationalrat fordert nun, den Anteil auf nur ein Prozent festzulegen.

Was will das Gesetz?

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Wenn es nach dem Bundesrat geht, sollen ausländische Streaming-Plattformen, Fernsehsender und Schweizer Video-on-Demand-Anbieter künftig vier Prozent ihrer Bruttoeinnahmen in der Schweiz in die heimische Filmförderung investieren.

Beispiel: Netflix müsste Schweizer Serien oder Filme mitproduzieren oder etwa Kinofilme ankaufen, die dann auf der Plattform laufen würden.

Die Änderung im Filmgesetz ist Teil der Kulturbotschaft 2021–2024 und wird nun nach dem Nationalrat vom Ständerat diskutiert.

Für den Filmjournalisten Georges Wyrsch ist klar: «Für die Branche selbst ist dieses sogenannte Lex Netflix eine wirklich notwendige Anpassung an eine Wirklichkeit: Nämlich, dass Filme heutzutage immer mehr digital konsumiert werden.» Das heisst, Menschen wollen Filme auf ihren Geräten sehen, und zwar dann, wenn sie Zeit dafür haben.

Auf diesem Markt liege die Schweiz zurück, so Wyrsch. «Es ist ein Manko, dass es im internationalen Streaming-Bereich zu wenig Schweizer Filmproduktionen gibt, die auch im Ausland laufen und beachtet werden.»

In anderen Ländern üblich

Es sei normal und werde auch im Ausland so gehandhabt, dass ein Gesetz die Leute zur Kasse bittet, die grosses Geld machen im Filmgeschäft, erklärt Wyrsch.

Dass sich im Nationalrat nun das bürgerliche Lager durchgesetzt hat und die Streaming-Plattform nur ein Prozent ihrer hiesigen Einnahmen investieren sollen, ist für Georges Wyrsch verständlich. «Vier Prozent war eine etwas hochgesteckte Vorgabe. Man wusste, dass das Geschäft kontrovers und die Ablehnung in der Schweizer Öffentlichkeit stark ist.»

Schweizer Film hat keinen guten Ruf

Diese Ablehnung basiere auf einfachen Gründen, so Wyrsch. Die Konsumenten denken sich: «Netflix schaue ich, Netflix geniesse ich, Netflix bezahle ich auch gerne.» Nun soll Netflix Geld weggenommen und damit etwas finanziert werden, was viele Menschen selten oder kaum schauen: Schweizer Filmschaffen.

«Leider geniesst der Schweizer Film einen nicht wahnsinnig guten Ruf in der breiten Bevölkerung.» Unter diesen Umständen sei die Ein-Prozent-Vorgabe nicht schlecht. Zudem findet Wyrsch: «Jetzt muss klarer kommuniziert werden, dass die Branche nicht einfach finanziell unterstützt wird, sondern dass sie so auch klar besser werden soll.»

Wie viel diktiert Netflix?

Die Frage, die sich nun viele stellen: Haben die Streaming-Dienste ein Mitspracherecht bei der Produktion, wenn sie Schweizer Filme mitfinanzieren? Georges Wyrsch glaubt, dass dies von der Grösse der Beteiligung abhängen werde. Wenn einem Streaming-Anbieter vier Prozent abverlangt würden, dann fordere dieser sicher ein, dass er zu einem hohen Grad mitbestimmen darf, was produziert wird.

Netflix habe ein sehr grosses Wissen, wie das Publikum funktioniere und was sich bereits bewährt hat, sagt der Filmjournalist. «Netflix wird wahrscheinlich Krimis wollen oder ein ‹Heidi›, Filme, die man auch in Korea zeigen kann. Wenn die Schweiz das bieten kann, dann investiert Netflix ziemlich gerne.»

Einer gewinnt, einer verliert

Wyrschs grösstes Fragezeichen: Wer bekommtt am Ende wirklich das Geld? Filmbranche und Filmförderung seien breite Sparten, die vieles beinhalten: Verleihfirmen, Kinoketten, Postproduktionsfirmen und auch die Streaming-Plattformen selbst.

Die Interessen dieser verschiedenen Player gehen auseinander. «Wenn das zukünftige Geld für Schweizer Serien genutzt wird, die aber nur bei einem Anbieter laufen und überhaupt nie im Kino, dann gibt es Verlierende in diesem Geschäft.» Umgekehrt sei es das Gleiche, wenn der Bund zukünftig bei Netflix und Disney Gelder eintreibe und damit aber kleine Schweizer Arthouse-Kinofilme finanziere, die «bei allem künstlerischen Wert nur ganz wenig Leute erreichen. Das versteht dann auch niemand», bilanziert Wyrsch.

Sendung: Radio SRF2 Kultur, Kultur Aktuell, 8.9.2020, 17:10 Uhr;

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5 Kommentare

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  • Kommentar von marc rist  (mcrist)
    Es ist ein subjektiver Eindruck und die Geschehnisse liegen bereits einige Jahre zurück. Innerhalb von knapp drei Monaten schaute ich mir damals drei Schweizer Produktionen aus ganz unterschiedlichen Bereichen im Kino an. Drei Mal lautete das Fazit in der Pause: "Nein, mehr muss nicht sein" und ich ging nach Hause.
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  • Kommentar von Dominik Nussbaum  (dnussbaum)
    Dass der CH-Film keinen «guten Ruf in der breiten Bevölkerung geniesst» und «besser werden soll» zeigt das grosse Dilemma unserer Filmindustrie: Wenn wir uns nur an der breiten Bevölkerung orientieren, stellen wir fest, dass diese v.A. US-Produktionen konsumiert. Werden CH-Produktionen also besser, wenn sie Hollywood kopieren? Dann aber kann der Zuschauer grad so gut bei Hollywood bleiben. Man kann auch fragen: Ist es überhaupt erstrebenswert, sich dem Massengeschmack anzupassen? (1/2)
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  • Kommentar von Dominik Nussbaum  (dnussbaum)
    Wird der CH-Konsument den CH-Filmen eine Chance geben, besonders in Zeiten der Globalisierung? Den Kommentaren im Schwesterartikel vom 7.9. konnte man entnehmen, dass sich viele lieber über die steigenden Kosten ärgern als sich auf CH-Filme & Serien zu freuen. Wenn aber das Geld der ausschlaggebende Faktor ist, dann können wir die Sache von vornherein vergessen, denn so billig Massenware produzieren wie Hollywood werden die schweizer Filmschaffenden nie können. (2/2)
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    1. Antwort von Christian Weber  (CWeb)
      Die Kommentare im Schesterartikel kritisierten praktisch ausschliesslich die "30% Europäische Inhalte", was allen voran für Nischenanbieter praktisch unmöglich machbar ist. Netflix wird sich freuen. Die 1% für Filmförderung hat meiner Erinnerung nach niemand kritisiert.
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    2. Antwort von Manuel Nagel  (mkrm)
      "so billig Massenware produzieren wie Hollywood"? Das ist ja zum Haare raufen. Schauen Sie sich mal an, was dort für schwindelerregende Beträge in Produktionen reingesteckt werden. Deren Erfolgsrezept ist sicher nicht, billig zu produzieren.
      Davon abgesehen hat Los Angeles mittlerweile ein höheres Kostenniveau als die Schweiz, allerdings wird auch nicht alles dort produziert.
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