«Lovely Louise»: Ein Mittfünfziger wird flügge

Nach ihrer Verfilmung des Romans «Tannöd» und einer Anna-Karenina-Inszenierung am Theater Basel kehrt Bettina Oberli zurück ins Umfeld der Kino-Grossproduktion. «Lovely Louise» heisst der Film, und er ist deutlich kleiner, feiner und persönlicher als ihr Grosserfolg «Die Herbstzeitlosen».

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Ausschnitte aus «Lovely Louise»

0:44 min, vom 4.9.2013

Annemarie Düringer ist 87 Jahre alt. Sie war eine von Bettina Oberlis «Herbstzeitlosen», allerdings nicht jene, welche angeblich in Amerika gewesen war. Das war die von Heidi Maria Glössner gespielte Lisi. Und die starb ja vor Ende des Films. Aber als «Lovely Louise» spielt Annemarie Düringer nun eine Variante der Lisi: Die Frau, die ihr ganzes Leben darauf abstellt, dass sie «in Amerika» gewesen ist. Genauer: In Hollywood – als junge Schauspielerin und kommender Filmstar.

Alles für die Mutter

Louise heisst Louise Dubois, und das erinnert nicht von ungefähr an die fragile Blanche DuBois aus Tennessee Williams' «Endstation Sehnsucht». Auch diese Louise hängt sehr am Glamour ihrer imaginären Vergangenheit. Aber die «Lovely Louise» ist bloss die titelgebende Figur des neuen Films von Bettina Oberli. Das Zentrum, der Antiheld, die Identifikationsfigur, das ist ihr Sohn André, gespielt vom stets verlässlichen Stefan Kurt.

André ist Mitte 50, fährt Taxi und bastelt ferngesteuerte Flieger in der Garage. Hauptamtlich aber ist er Sohn, Stütze seiner Mutter – schon immer, eigentlich, wie er der Wurstbudenbetreiberin Steffi treuherzig anvertraut. Schliesslich hat die Mutter seinetwegen eine grosse Karriere in Amerika aufgegeben. Steffi ist nicht begeistert.

Leichtfüssig und tragikomisch

«Lovely Louise» zeigt das stille Leiden des Sohns, der sich nicht lösen kann. Die Tragödie der Mutter, welche ihr ganzes Leben auf Schein gebaut hat und den Sohn zu dessen Aufrechterhaltung braucht. Aber «Lovely Louise» ist kein Drama, sondern ein leichtfüssiger, zuweilen leise poetischer und fast immer tragikomischer Film für ein Publikum, das sich gerne bei der Hand nehmen lässt.

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Trailer von «Lovely Louise»

1:40 min, vom 4.9.2013

Bettina Oberli hat den schwierigen Weg gewählt zwischen der erfolgreichen Formelhaftigkeit der «Herbstzeitlosen» und dem thematisch ähnlich angelegten Mutter-Sohn-Drama «Rosie» von Marcel Gisler. Damit erreicht sie mit etwas Glück das grössere Publikum, fällt aber unter Umständen bei der Kritik zwischen Stuhl und Bank.

Am Filmfestival Locarno zum Beispiel war «Lovely Louise» nicht zu sehen. Im überaus kunstsinnigen Wettbewerb wäre der Film schlecht aufgehoben gewesen. Und für die publikumsträchtigen Freilichtaufführungen auf der Piazza Grande war er dann doch wieder zu intim, zu fein – und zu deutschschweizerisch.

Schauspieler Stefan Kurt als Garant für CH-Qualitätsfilme

Denn das ist eine eingewobene Qualität, welche «Lovely Louise» nicht nur seiner sehr schweizerischen Geschichte verdankt, sondern auch, paradoxerweise, seinem Hauptdarsteller Stefan Kurt. Der hat zwar seine Theaterkarriere in Deutschland gemacht, ist aber mittlerweile ein Garant für Schweizer Qualitätsarbeit auf der Leinwand. Wie früher Bruno Ganz glänzt Kurt mit Understatement, mit eindringlicher Bescheidenheit und leisen Tönen.

Für «Lovely Louise» ist Stefan Kurt der Anker, die Identifikationsfigur, der Antiheld und das Gravitationszentrum. Um ihn herum drapiert Bettina Oberli ein starkes Ensemble, insbesondere die Österreicherin Nina Proll als Steffi. Einige knallige Effekte dürften noch lange in Erinnerung bleiben, etwa die wunderbare Schlusssequenz. Besser schnell vergessen werden sollte zum Beispiel die Autokarambolage, deren Symbolwert dann doch etwas zu scheppernd ausgefallen ist.