«Marguerite»: Ohren zu, Herz auf

«Marguerite» ist eine melancholische Tragikomödie über eine selbsternannte Operndiva mit wenig musikalischem Talent, dafür mit eisernem Willen. Wenn man für etwas lebt, das man nicht kann, ist das eine ganz besondere Tragödie. Wozu dies führen kann, zeigt der Film mit viel Witz und Lebensweisheit.

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Filmstart diese Woche: «Marguerite»

1:53 min, aus Keine 3 Minuten – Die Filmkritik für Eilige vom 28.10.2015

«Es gibt nichts Schöneres als Applaus. Ausser dem Blick des Mannes, den man liebt.» Dies ist die Einstellung der Möchtegern-Operndiva Marguerite Dumont (brillant gespielt von Catherine Frot). Singen ist ihre grosse Leidenschaft. Sie singt von ganzem Herzen, in erster Linie für ihren Mann Georges (André Marcon). Leider trifft sie dabei keinen einzigen Ton. Er schämt sich für sie, schafft es jedoch nicht, ihr die Wahrheit über ihre hoffnungslos unharmonische Stimme zu sagen. Genauso wie der Rest des heuchlerischen Publikums. Und so lebt Marguerite tagein, tagaus in der Illusion, eine überragende Sängerin zu sein.

Als ein junger Journalist einen übertrieben positiven Artikel über ihren Auftritt veröffentlicht, fühlt sich die naive Marguerite in ihrem Talent bestätigt. Dies verleiht ihr den nötigen Mut, um ihr erstes Konzert vor zahlendem Publikum zu organisieren. Fest entschlossen übt sie für den Bühnentriumph, von dem sie seit Jahren träumt. Die unvermeidliche Tragödie nimmt so ihren Lauf.

    • Marguerite singt mit Leidenschaft, im Hintergrund spielt ein Orchester.

      Bildlegende: Marguerite geht richtig auf in ihrer Passion Opernsängerin zu werden. Praesens-film

      Das optimistischste Zitat

      «Vom Genialen zum Lächerlichen ist es oft nur ein Schritt», meint der Maestro Atos Pezzini (Michel Fau) zuversichtlich, bevor Marguerite zum ersten (und letzten) Mal vor zahlendem Publikum in der Pariser Oper auftritt.

    • Regisseur Xavier Giannoli in Venedig.

      Bildlegende: Er hat ein ausgezeichnetes Ohr für musikalische Themen: Der französische Regisseur Xavier Giannoli. Keystone

      Der Regisseur

      Der französische Regisseur Xavier Giannoli bewies bereits mit «Chanson d’Amour» (2006) und «Superstar» (2012) sein Geschick für musikalische Themen und unvergessliche Figuren. Beide Komödien sind melancholisch und emotional, ohne jedoch kitschig zu wirken. Das gelingt Giannoli auch in «Marguerite»: Mit Meisterhand inszeniert er diese zarte wie gnadenlose, weise wie respektvolle Betrachtung zum Thema Kunst, Liebe und Leidenschaft.

    • Eine Frau mit Kopfbedeckung schaut in die Kamera.

      Bildlegende: Singen war ihre grösste Leidenschaft: Die Möchtegern-Operndiva Florence Foster Jenkins. Imago

      Fakten, die man wissen sollte

      Der Spielfilm «Marguerite» basiert lose auf der wahren Geschichte der reichen Amerikanerin Florence Foster Jenkins (1868-1944). Ihr Gesang sorgte Anfang des 20. Jahrhunderts für Aufsehen, weil sie weder Ton noch Rhythmus der ausgewählten Kompositionen traf. Berühmt wurde sie trotzdem: als schlechteste Sängerin der Welt. Die Geschichte der Amateur-Sopranistin ist so faszinierend, dass ein weiterer Film zu ihrer Person in Planung ist. Bereits 2016 soll die Filmbiographie «Florence Foster Jenkins» von Stephen Frears mit Meryl Streep in der Hauptrolle erscheinen.

    • Marguerite singt vor bezahlendem Publikum in der Pariser Oper.

      Bildlegende: Ihr grösster Traum: einmal vor zahlendem Publikum aufzutreten. Praesens-Film

      Das Urteil

      Wer denkt, dass «Marguerite» ausschliesslich ein Film für Musikfans ist, liegt falsch. Xavier Giannolis jüngstes Werk ist ein psychologisches Meisterwerk über eine starke Frau, die um Anerkennung und Liebe ringt. Wie jeder von uns. Marguerite geht ihrer grossen Leidenschaft nach, trotz ihrer musikalischen Unzulänglichkeit. Das ist es, was den Zuschauer emotional festhält. Was gibt es tragischeres als einen Traum zu haben, diesen jedoch niemals erfüllen zu können?

Kinostart: 29. Oktober 2015