Im Kino Meister Scorsese ringt mit seinem Glauben – ganz still und stark

Gott schweigt. Wie kann er nur, angesichts all des Unheils? Martin Scorsese stellt mit «Silence» eine Grundsatzfrage.

Video ««Silence» – Warum schweigt Gott?» abspielen

«Silence» – Warum schweigt Gott?

4:43 min, aus 10vor10 vom 2.3.2017

Schlechte Neuigkeiten für Pater Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garpe (Adam Driver), die Zöglinge des Jesuiten Ferreira (Liam Neeson): Über den Missionar wird aus dem fernen Japan Ungeheuerliches berichtet: Dass er vom katholischen Glauben abgefallen sei und nun als Buddhist lebe.

Kurzentschlossen brechen die beiden Portugiesen auf, um ihren Landsmann im Land der aufgehenden Sonne zu suchen. Ein mutiger Entscheid angesichts der angespannten Lage im 17. Jahrhundert. Schliesslich waren Christen damals in Fernost nicht erwünscht. Sie wurden gejagt, gefoltert und getötet.

Martin Scorseses Pilgerreise

Für Regisseur Martin Scorsese war die Verfilmung des internationalen Bestsellers «Schweigen» von Shūsaku Endō eine Herzensangelegenheit. In unserem Interview verglich er sie gar mit einer Pilgerreise, mit der er zum Glauben zurückfinden wollte.

Fakt ist, dass der Film ihm eine Audienz bei Papst Franziskus einbrachte, dem ersten jesuitischen Oberhaupt der katholischen Kirche überhaupt. Scorsese beim Papst – das wäre vor knapp dreissig Jahren völlig undenkbar gewesen.

1988 verursachte Scorsese mit «The Last Temptation of Christ» einen Eklat, indem er Jesus als Mann mit natürlichen Begierden zeigte.

Martin Scorsese im Jahr 2007 nach seinem bislang einzigen Oscargewinn.

Bildlegende: Scorsese 2007, nach dem Gewinn seines einzigen Oscars. Keystone

Die leicht erotisch gefärbte Passionsgeschichte sei Blasphemie, schrien Strenggläubige auf der ganzen Welt.

Auch in Zürich war die Empörung gross. Vor allem unter jenen Christen, die vor dem Kino Piccadilly mit Transparenten das Volk davon überzeugen wollten, den Film zu boykottierten.

Kein blinder Glaube

Scorsese, ein Ketzer? Schon in den späten 1980er-Jahren passte dieses Etikett nicht wirklich zum New Yorker. Der Filmemacher selbst betrachtet sich als Katholiken, der mal mehr, mal weniger an seiner Religion zweifelt: «Ich ringe mit meinem Glauben. Bin ich ein gläubiger Christ? Ich versuche es. Die Idee gefällt mir. Ich gebe mir Mühe – aber was weiss ich schon!»

Wie die jesuitischen Helden in seinem neuen Film will Scorsese glauben. Der ständige Zweifel, ob Gott wirklich existiert, hält ihn nicht von seinem Streben ab, ein guter Christ zu sein. Eine Haltung, die ihn – trotz ewigem Kampf – mit dem Leben versöhnt hat.

Heute blicke er recht gelassen und zufrieden auf sich selbst und sein Werk, verrät der Regisseur zum Schluss. Das kann er auch. Schliesslich hat er mit «Silence» erneut einen echten Scorsese abgeliefert: tiefschürfend, undogmatisch und persönlich.

Kinostart: 2. März 2013

Die Vorlage für «Silence»

Drei fast nackte Männer werdn an Kreuze gebunden.

Ascot Elite

Das Buch «Schweigen» (1966) von Shūsaku Endō erzählt von Jesuiten in Japan im Jahr 1638. Wir haben den Schweizer Jesuiten Bruno Brantschen gefragt, wie das Buch auf ihn wirkt.