Michael Caine, Pop-Ikone im Ruhestand

Sir Michael Caine hat laut eigener Einschätzung nicht nur «schrecklich viele Filme, sondern auch viele schreckliche Filme gemacht». Tatsächlich sind die wenigsten seiner Streifen für die Ewigkeit geschaffen. Ganz im Gegensatz zu seinem Können als Schauspieler. Am 14. März wird er 80.

Über die Beständigkeit seines Nimbus als Schauspielerikone gibt sich Michael Caine, der sich seit 2000 «Sir» nennen darf, keinen Illusionen hin: «Ich bin in so vielen Filmen zu sehen, die ab zwei Uhr nachts im Fernsehen laufen, dass die Leute denken, ich sei tot.» Das ist natürlich vor allem kokett, denn Michael Caine ist quicklebendig und zeigt das auch, vor allem dann, wenn er beispielsweise seine Nebenrolle in Christopher Nolans «Batman»-Filmen mit Aplomb ausfüllt.

Tatsächlich verfügt der Londoner, der am 14. März 2013 seinen 80.Geburtstag feiern kann, noch immer über genügend Strahlkraft um auch mittelmässigen Produktionen Klasse zu verleihen. Über Zweifelhaftes wie zuletzt das Dwayne-«The Rock»-Johnson-Vehikel «Journey 2: The Mysterious Island» wollen wir dabei grosszügig  hinwegsehen. Als Pop-Ikone aber hat Caine ausgedient, seit Pop seine soziopolitische Sprengkraft ganz allgemein eingebüsst hat. Caine ist heute einfach «too old to die young» – zu alt, um jung zu sterben.  

Look Back in Anger

Von seinen Alterswerken lässt Caine insbesondere «Harry Brown» (2009) gelten, spielt dieser rüde Selbstjustizthriller doch just in jenem Londoner Arbeiterviertel, in dem er 1933 als Maurice Joseph Micklewhite Jr. das Licht der Welt erblickte. Er spielt hier einen vereinsamten Armeeveteranen, der, nachdem sein einziger Freund von Mitgliedern einer Drogengang ermordet worden ist, aufrüstet und einen blutigen Rachefeldzug gegen die Jugendlichen vom Zaun bricht.

Die unverhohlene «Ein Mann sieht rot»-Botschaft brachte Caine viel Kritik ein, obwohl er sich durchaus differenziert zum Problem der Jugendgewalt im heimatlichen Quartier zu äussern weiss. Auch er sei als Teenager voller Wut gewesen. Streitereien wurden oft gewalttätig ausgetragen und konnten auch schon mal tödlich enden. Im Unterschied zu heute aber, dieser Zeit ziellos-nihilistischer Gewalt, so Caine, seien sie lebenshungrig gewesen, beseelt vom Willen, nach oben zu kommen.

Working Class Hero

Von seinen frühsten Tagen an war es Caines Ziel, berühmt und reich zu werden. Auf keinen Fall enden wie der Vater, der ein Leben lang als Gemüsehändler geschuftet hatte, um schliesslich mausarm zu sterben. Nach der Schule wurde Caine vom Militär eingezogen. Es folgte ein Kriegseinsatz in Korea, danach, Ende der 50er-Jahre, wandte er sich dem Theater und Film zu. Shakespeare war nicht darunter. Caine, dessen späteres Markenzeichen, sein ausgeprägter Cockney-Akzent, ihn als Proleten auswies, hat nie eine klassische Bühnenausbildung genossen. 

Es waren Tage des Aufruhrs, als beispielsweise mit den «Beatle» Arbeiter- und Mittelstandskinder den Aufstand probten und mit Wucht gegen die Schranken des rigiden britischen Klassensystems mit seinen feinen kulturellen Trennlinien anrannten. Pop wurde damals geprägt. Und Pop umfasste nicht nur Musik, er bezeichnete die Massenkultur schlechthin, die jene Produkte hervorbrachte, in der oben und unten, Hochkultur und Massengeschmack für die Konsumgesellschaft amalgamiert wurden. In diesem Umfeld erstaunt es wenig, dass Prolet Caine seinen Durchbruch 1964 im Kolonial-Abenteuerdrama «Zulu» als adelig-snobistischer Armeeoffizier schaffte.

Pop-Ikone mit Hornbrille

In den 60ern festigte Caine seinen Status als Filmstar unter anderem als Hauptdarsteller im Gesellschaftsdrama «Alfie», in dem der Katzenjammer einer ganzen Generationvorweggenommen wurde, die sich zur Zeit des Swinging Londons bindungsscheu den Freuden des Lebens verschrieben hatte. Noch vor «Alfie» war Caine ein erstes Mal in der Rolle von Agent Harry Palmer zu sehen gewesen (es sollten nach «The Ipcress File» mit «Funeral in Berlin» und «Billion Dollar Brain» noch zwei weitere ehrenwerte Einsätze folgen). Überraschend wurde Caine als zynischer Palmer, der mit Hornbrille und reizlosem Trenchcoat als eine Art Anti-James-Bond angelegt war, zum Sexsymbol.

Bedrohlich: Michael Caine zielt mit dem Gewehr knapp am Betrachter vorbei.

Bildlegende: Aus dem Film «Get Carter», 1971. zVg

Auf die Frage: «Haben Sie damals Drogen genommen?» antwortete Caine 2007 im Spiegel-Interview: « Ja, Hasch. Danach habe ich fünf Stunden lang gelacht. Doch dann las ich, dass Marihuana die Gedächtniszellen schädigt. Und wenn es etwas gibt, was ich auf gar keinen Fall verlieren möchte, dann ist es mein Gedächtnis. Wer sich an die Sechziger erinnern kann, war nicht dabei, heisst es. Nun, ich kann mich erinnern, denn ich bin rechtzeitig auf Wodka umgestiegen.»

Geister der Vergangenheit

Caine war nicht einfach ein hinreissend cooler Schauspieler, er profilierte sich auch als witziger Gesprächspartner, der sich endlos darüber amüsieren konnte, als Arbeiterkind von der Welt nun als Inkarnation des britischen Gentlemans gesehen zu werden. Das Wichtigste seien die Augen, betont Michael Caine immer wieder: niemals blinzeln, niemals im Gespräch mit dem Blick hin- und herhuschen. So ist auch sein leicht ironischer Blick eines der Markenzeichen des Charakterdarstellers.

Auf eine ganz andere Weise cool war Caine in seinem persönlichsten Film «Get Carter» (1971). Hier spielt er den eiskalten Berufskiller Jack, der zur Beerdigung seines Bruders nach Newcastle zurückkehrt. Obwohl der Bruder angeblich bei einem Autounfall starb, vermutet Jack Mord und macht sich unerbittlich an die Aufdeckung der Wahrheit. «Get Carter» gilt heute als Meilenstein des britischen Gangsterfilms, nicht zuletzt dank Caine. «Carter ist der Weg, den mein Leben leicht hätte nehmen können, hätte ich kein Glück gehabt. Carter ist in letzter Konsequenz ein Produkt meiner eigenen Herkunft. Ich kenne ihn gut. Carter ist der Geist von Michael Caine.»

…der unheilige Rest

Auf die Feststellung, weshalb er nicht nur «schrecklich viele Filme, sondern auch viele schreckliche Filme» gemacht habe, meint Caine, dass auch dieser Umstand seiner kleinbürgerlichen Herkunft und deren ausgeprägtem Sicherheitsdenken geschuldet sei : «Zuallererst wähle ich die grossartigen Rollen. Wenn solche Angebote ausbleiben, nehme ich die mittelmässigen Rollen, und wenn solche auch nicht kommen, dann nehme ich die, die die Miete bezahlen.»

Nach drei Nominierungen erhielt Caine 1986 seinen ersten Oscar für die beste Nebenrolle in Woody Allens  «Hannah and her Sisters», ein zweiter Oscar folgte 1999 für «The Cider House Rules». In seinen berühmtesten Rollen war Michael Caine ein Schürzenjäger, ein eiskalter Racheengel, ein Arzt, ein Butler, ein untreuer Ehemann. Vom Leben gezeichnet waren viele seiner Figuren – gebrochen aber kaum je eine.  Fast wie im richtigen Leben.

Michael Caine auf SRF

«The Cider House Rules» («Gottes Werk und Teufels Beitrag») am 10.3. 22:18 Uhr. SRF zwei

«The Italian Job» («Charlie staubt Millionen ab») am 16.3. 00:05 Uhr SRF 1.

«Flawless» («Flawless - Ein tadelloses Verbrechen») am 17.3. 22:20 Uhr SFR 2.