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Surreales Sittengemälde: «Petrov's Flu» von Kirill Serebrennikov
Aus Kultur-Aktualität vom 20.06.2022.
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Neu im Kino «Petrov’s Flu»: Daran krankt Russland

Kirill Serebrennikovs fiebrige Buchverfilmung gewährt Einblick in die von Gewalt und Verdrängung geschundene Volksseele.

«Setzen Sie sich, sie sehen aus wie ein Krebspatient», rät eine Frau dem Titelhelden im völlig überfüllten Bus. «Krebs? Ich habe bloss eine Grippe», entgegnet dieser irritiert, bevor er hustend davonhumpelt.

«Früher diente alles dem Wohl des Menschen», ruft ein Fahrgast dem erkrankten Petrov nach: «Dann hat Gorbatschow das Land verkauft. Jelzin hat es versoffen, bis er abgesetzt wurde. Und nun? Nur noch Tadschiken und Juden. Alle, die jetzt an der Macht sind, müsste man an die Wand stellen!»

Wenig später wird Petrov selbst Teil eines Erschiessungs-Kommandos. Wen er da hinrichten soll, ist unklar. Dennoch drückt er den Abzug – sehr zur Freude seines Befehlshabers: «Gut gemacht, du hast deinen Teil geleistet.»

Eiskalter Fiebertraum

Eigentlich steckt in den ersten fünf Minuten schon alles drin, was der Film danach in knapp zweieinhalb Stunden ausbreitet. «Petrov’s Flu» ist das surreale Sittengemälde eines Landes, dessen Bevölkerung sich immer wieder fragen muss: «Träume ich bloss, oder geschieht hier wirklich ständig Ungeheuerliches?»

Verkleidete Russen vor dem Weihnachtsbaum: Väterchen Frost hält einen Jungen im sowjetischen Raumanzug in den Armen.
Legende: Staubige Weihnachten mit Väterchen Frost und einem sowjetischen Raumanzug. Xenix Film / Sergey Ponomarev

Fest steht nur: Die Art und Weise, mit der Kirill Serebrennikov sein Heimatland skizziert, schmeichelt diesem nicht. Kein Wunder, schliesslich gilt der 52-jährige Regisseur, welcher nach jahrelangem Hausarrest heute in Deutschland lebt, zu Russlands schärfsten Kritikern.

Stimmung und Form stehen dabei im Vordergrund. Die konkrete Handlung ist dagegen eher banal und zweitrangig: Petrov (Semyon Serzin), seine Frau Petrova (Chulpan Khamatova) und ihr Sohn (Vladislav Semiletkov) leiden an einer geheimnisvollen Grippe, die sie nicht nur husten, sondern auch halluzinieren lässt.

Diesen Russen mag der Westen

«Petrov’s Flu» feierte im vergangenen Sommer in Cannes Premiere. Dort würde Serebrennikov längst zu den Stammgästen gehören, wenn ihm Moskau 2018 und 2021 nicht die Ausreise verwehrt hätte.

Zumal vor wenigen Wochen dort bereits das neuste Drama des Vielbeschäftigten zu sehen war: «Tchaikovsky’s Wife» – in Anwesenheit des inzwischen in den Westen geflüchteten Filmemachers.

Regisseur Kirill Serebrennikov posiert in Cannes mit grimmiger Miene für die Fotografen.
Legende: Mit grimmigem Blick und rebellischer Geste: So posierte Serebrennikov in Cannes. Keystone / Petros Giannakouris

Der auf fragwürdige Weise der Korruption Bezichtigte fand an der Croisette klare Worte für Putins Politik: «Fuck your war! I hate you!» Es versteht sich von selbst, dass Serebrennikov, der als einziger Russe seinen Film im internationalen Wettbewerb präsentieren durfte, dafür tosenden Applaus erntete.

Dringlicher als «Tchaikovsky’s Wife»

Filmisch traf der neuste Serebrennikov, der sich historisierend ins Russland des 19. Jahrhunderts flüchtet, heuer den Zeitgeist dagegen weniger gut als «Petrov’s Flu» zehn Monate zuvor.

Damals befand sich unsere Welt noch mitten in der Pandemie, was Petrovs chronischem Husten eine unmittelbare Bedrohlichkeit verlieh. Diese dürfte auch heute noch mitschwingen, selbst wenn Serebrennikovs groteske Romanverfilmung nicht in der Gegenwart, sondern den Nullerjahren unseres Jahrtausends spielt.

Grüngefärbte Filmszene mit Hauptdarsteller Semyon Serzin als chronisch kranker Comiczeichner Petrov in einer Gifthölle.
Legende: Petrov (Semyon Serzin, ganz rechts) in einem giftig grün leuchtenden Vexierbild. Xenix Film / Sergey Ponomarev

Daneben gibt es weitere gute Gründe, wieso sich dieser alkoholgetränkte Fiebertraum brandaktuell anfühlt: Jede Einstellung trieft nur so vor Fäulnis und Gewalt – als ob sich Russland vor unseren Augen von innen her auflösen würde. Zorniger lässt sich die giftige Lage im Osten kaum kommentieren.

Kinostart: 23. Juni 2022

Radio SRF 2 Kultur, 20.6.2022, 17:20 Uhr

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