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Filmkritik «The Power of the Dog»
Aus Kultur-Aktualität vom 18.11.2021.
abspielen. Laufzeit 03:31 Minuten.
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Neu im Kino «The Power of the Dog»: Starker Mann – was nun?

Das lange Warten hat sich gelohnt: In Jane Campions Westerndrama «The Power of the Dog» stimmt einfach alles.

Die neuseeländische Regisseurin Jane Campion hat sich Zeit gelassen: Zwölf Jahre sind seit ihrem letzten Film «Bright Star» vergangen, vier seit der zweiten Staffel ihrer TV-Serie «Top of the Lake». Dieses Jahr stellte sie in Venedig ihr neues Werk vor und gewann damit den Preis für die beste Regie.

Jane Campion lässt sich auch in ihren Filmen viel Zeit. Ihre Szenen und Bilder brauchen diese Zeit, um ihre volle Kraft zu entfalten. Und kraftvoll ist «The Power of the Dog», diese Dekonstruktion des Mythos des starken Mannes.

Zwei Brüder und ihre Rinder

Der Spätwestern ist in den 1920er-Jahren angesiedelt, im US-Bundesstaat Montana mit seinen Bergen, die eine grandiose Kulisse für diese epische Geschichte bilden.

Die beiden Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George Burbank (Jesse Plemons) führen eine Rinderfarm. Schon seit 25 Jahren treiben sie zusammen Rinder durchs Land, stellt Phil am Anfang des Films klar. Eine lange Zeit, bestätigt George.

Video
Trailer zu «The Power of the Dog»
Aus Kultur Webvideos vom 22.11.2021.
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Gestörte Komfortzone

Die Brüder sind verschieden: Phil ist der charismatische, starke, ungewaschene Haudegen. Er gibt den Ton an, beleidigt und verletzt mit Absicht alle, die schwach wirken – und unterhält damit seine Cowboys.

Sein Bruder George ist weniger wortgewandt. Er ist sensibler, ruhiger und vor allem viel höflicher gegenüber seiner Umwelt. Die fragile, aber funktionierende Bruderbeziehung wird gestört, als George die Witwe Rose (Kirsten Dunst) heiratet und diese mit Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) auf der Farm einzieht.

Phil reagiert mit toxischer Männlichkeit auf die Störung seiner Komfortzone und treibt die anfänglich fröhliche Rose immer mehr in die Verzweiflung.

Legende: Rose (Kirsten Dunst) stört die fragile Bruderbeziehung. Ascot Elite

Erinnerungen an «The Piano»

Auch ein Klavier spielt bei diesen Machtspielchen eine wichtige Rolle. Eine Reminiszenz auf Campions ersten grossen Erfolg «The Piano». Und auch hier ist es ein Symbol für ein Stück Zivilisation in der Wildnis. Aber im Unterschied zu «The Piano», dieser Liebesgeschichte und Eifersuchtsdrama mit starker Frauenfigur, steht in «The Power of the Dog» ein Mann im Zentrum.

Phils Fassade des «Lonely Wolf» bröckelt immer stärker. Dahinter kommt ein sensibler, unglücklicher und überraschenderweise hochgebildeter Mensch zum Vorschein. Der junge Peter schafft es schliesslich, Phils Mauer aus Misstrauen und Kaltschnäuzigkeit zu durchbrechen – bis zum verblüffenden Ende.

Legende: Peter (Kodi Smit-McPhee, rechts) schafft es, die Mauern von Phil ( Benedict Cumberbatch) zu durchbrechen. Ascot Elite

Alter Stoff trifft Zeitgeist

Der Film basiert auf einem Roman aus dem Jahr 1967. Das ist erstaunlich, denn Jane Campions Film ist eine hochmoderne und zeitgenössische Dekonstruktion des Western-Mythos und eine sorgfältige Studie unterschiedlicher Formen von Männlichkeit. «Ein Mann ist aus Geduld gemacht und aus allen Umständen gegen ihn», sagt Phil zum Beispiel einmal.

Campions Film zeigt, wie Verletzung zu Verhärtung führt, Verhärtung zu Verrohung und was solche Verrohung schliesslich anrichten kann. All das ist sehr langsam erzählt, mit reduzierten Dialogen, langen Einstellungen, grandiosen Bildern und einem ausgesucht guten Schauspielensemble.

Benedict Cumberbatch brilliert etwa als Phil wie noch nie zuvor. Mit «The Power of the Dog» zeigt Jane Campion einmal mehr, dass sie eine Meisterin der Regie ist, bei der jede Einstellung, jeder Blick, jedes Wort, jedes Schweigen auf den Punkt genau stimmt.

Das Prädikat Meisterwerk ist bei diesem Film durchaus angebracht.

Kinostart: 18. November 2021

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 18.11.2021, 17:10 Uhr;

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