«Nichts passiert»: Ein Familienvater schaut krampfhaft weg

Im neuen Film «Nichts passiert» des Schweizer Regisseurs Micha Lewinsky verstrickt sich ein Familienvater in einem Netz aus Lügen und Halbwahrheiten. Das führt zu völlig absurden Situationen. Und genau die machen den Film sehenswert.

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Im Kino: «Nichts passiert»

1:47 min, aus Keine 3 Minuten – Die Filmkritik für Eilige vom 10.2.2016

Als «schwarze Komödie» wurde der Film angekündigt – vielleicht, weil man das von Drehbuchautor und Filmregisseur Micha Lewinsky erwartet. Der Sohn von «Fascht e Familie»-Autor Charles Lewinsky hat bewiesen, dass auch er sein Publikum ziemlich gut zum Schmunzeln bringen kann.

Wohlgefallen um jeden Preis

Die Zuschreibung «Komödie» ist allerdings wenig passend für seinen neusten Film. Schwarz, das ist er, rabenschwarz. Komödiantisch ist er noch in der ersten Szene: Ein Mann – Thomas – sitzt bei der Psychiaterin und bemüht sich redlich, Harmonie und Wohlgefallen zu verbreiten: Je mehr er in der Therapie (die ihm scheinbar nach einem Aussetzer verordnet worden ist) behauptet, alles sei in Ordnung, desto weniger glauben wir ihm.

Dann fährt Thomas mit seiner Frau Martina, seiner Teenagertochter Jenny und deren Schulfreundin Sarah in die Skiferien ins Bündnerland, wo er für alle nur das beste möchte: Ruhe und Entspannung für seine Frau, damit sie endlich ihren Roman fertig schreiben kann, tolle Tage auf der Piste für seine Tochter. In seinem selbstgestrickten Pulli und dem immerwährenden Lächeln verbreitet Thomas krampfhafte Heiterkeit und Harmonie.

Komplett überfordert

Dem deutschen Schauspieler Devid Striesow scheint die Rolle auf den Leib geschrieben zu sein: dieser Thomas, der es eigentlich immer nur schön haben möchte und gar nicht gerne Entscheidungen trifft, weil er sich dann auch gegen etwas anderes entscheiden müsste. Lieber entscheidet er gar nichts, übernimmt keine Verantwortung und in Familienfragen sagt er immer «Frag die Mama».

Natürlich aber ist es genau dieses krampfhafte Festhalten an einer behaupteten Familienharmonie um jeden Preis, die diese Harmonie gründlich zerstört. Als Thomas einmal wirklich Verantwortung übernehmen muss, ist er damit komplett überfordert. Und damit «nichts passiert», verstrickt er sich immer mehr in ein Lügennetz.

Ein Mann sitzt am draussen an einem Restauranttisch vor einer Flasche Bier.

Bildlegende: Trauriger Narr: Thomas (Devid Striesow). Flimcoopi

Das grausame Spiel mit den Figuren

Das wäre tatsächlich Stoff für eine leichte, witzige Komödie. Micha Lewinsky aber treibt seine Figur Thomas so weit in die Bredouille mit seiner Art, sich alle Probleme schön zu reden (sein Lieblingssatz: «Man kann ja miteinander reden» – auch wenn es längst nichts mehr zu reden, sondern nur noch zu handeln gibt), dass die Stimmung von lustig in beklemmend kippt.

Manchmal wirkt es, als treibe Autor und Regisseur Lewinsky selbst ein grausames Spiel mit dieser Figur Thomas, um zu schauen, wie lange es geht, bis der verantwortungsscheue, harmoniesüchtige Mann zusammenbricht. Manchmal schiesst der Film dabei über sein Ziel hinaus mit immer noch weiteren Wendungen und absurden Situationen. Doch genau deshalb ist dieser Film auch so eindrücklich: Weil er das grausame Spiel mit den Figuren, in deren Zentrum dieser traurige Narr von einem Mann alles aufwühlt, ein bisschen zu weit treibt.

Nicht nur Devid Striesow ist grossartig in «Nichts passiert» – ein wunderbares Ensemble hat Micha Lewinsky im Prättigau versammelt: Maren Eggert als Martina, Lotte Becker als Tochter Jenny, Max Hubacher als junger Einheimischer und vor allem die jetzt 19-jährige Schweizerin Annina Walt sind ganz starke Figuren.

Filmstart: 11. Februar 2016

SRG-Koproduktion

Die SRG ist Koproduzentin dieses Films.

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