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Filmschatz der 70er «One Flew Over the Cuckoo's Nest»: Weg vom Elektroschock

Streifzug durch die wilden 70er in Hollywood – aufregende Filmschätze aus einem aufregenden Jahrzehnt. Das Drama «One Flew Over the Cuckoo’s Nest» veränderte das Psychiatriewesen.

Legende: Video «Filmschatz: «Einer flog über das Kuckucksnest»» abspielen. Laufzeit 4:42 Minuten.
Vom 15.10.2014.

Jack Nicholson mit frechem Grinsen und gefährlich funkelnden Augen als R. P. McMurphy in «Einer flog über das Kuckucksnest». Das Meisterwerk aus dem Jahr 1975 war einer der grossen Filme des New-Hollywood.

Von 1967 bis Ende der 70er-Jahre modernisierten die Drahtzieher der Bewegung das traditionelle Kino. Ihre Filme machten den Anti-Helden zur populären Figur und zeichneten sich durch ihre gesellschaftskritische Grundhaltung aus.

Ein Film mit Nebenwirkungen

Mit «Einer flog über das Kuckucksnest» adaptierte Regisseur Miloš Forman den gleichnamigen Roman von Ken Kensey und zeigte die Psychiatrie als Raum ohne Menschlichkeit.

McMurphy, der den Verrückten spielt um einer Haftstrafe zu entgehen, wird – wie die Patienten – zum Opfer der herzlosen und willkürlichen Krankenschwester Ratched. Humor, Lebendigkeit und Chaos dienen ihm als raffinierte Mittel der Rebellion.

Jack Nicholson steht am Eingang zur Schwesternstation. Die anderen Patienten neben ihm.
Legende: Jack Nicholson brillierte in der Rolle des Anti-Helden R. P. McMurphy. IMAGO

«Einer flog über das Kuckucksnest» hat das Bild der Psychiatrie in der Öffentlichkeit mitgeprägt. Noch heute besteht die populäre Vorstellung, dass es in einer psychiatrischen Anstalt zugeht wie in dem Film: ein Ort mit vergitterten Fenstern, trostlosen Schlafsälen und zwanghafter Medikamenteneinnahme.

Ärzte waren darüber empört. Formans Drama habe das Bild der Psychiatrie dramatisiert und verfälscht. Die Darstellung der Patienten würde bei den Kinobesuchern ein negatives Bild von Geisteskranken erzeugen.

Messbare Wirkung

Acht Jahre nach der Kinopremiere bestätigte eine Umfrage mit 146 Studenten diesen Vorwurf: Die Studie zeigte, dass sich die Haltung gegenüber Geisteskranken erheblich verschlechterte, nachdem die Befragten «Einer flog über das Kuckucksnest» gesehen hatten.

Der Kultfilm hatte auch positive Auswirkungen: Formans Meisterwerkt löste 1975 eine Debatte über die Elektroschocktherapie aus. Die umstrittene Behandlung wurde aufgrund der brutalen, qualvollen Bildern im Film hinterfragt, die Diskussion angeheizt.

Das hatte zur Folge, dass die Elektroschocktherapie nicht länger zur gängigen Therapie zählte. Den Ärzten wurde die gesetzliche Vorlage auferlegt, die Behandlung nur bei Zustimmung des Patienten durchzuführen.

Der Regisseur Miloš Forman.
Legende: Der Oscar-preisgekrönte Regisseur Miloš Forman 1975 bei den Dreharbeiten in Massachusetts. IMAGO

Vietnamkrieg und Watergate-Affäre

«Einer flog über das Kuckucksnest» erhielt eine so grosse Wirkungskraft, da er zur richtigen Zeit über die Leinwand flimmerte. Das Erscheinungsjahr 1975 markiert das Ende des Vietnamkriegs.

In den USA hatten die 70er-Jahre eine grosse Protestbewegung gegen den Krieg und gegen den Staat hervorgebracht. Ausserdem erschütterte die Watergate-Affäre das Land.

Die illegalen Machenschaften unter US-Präsident Richard Nixon hatten das Misstrauen gegenüber der Regierung in Washington verstärkt. Ein Film, der dem System – in diesem Fall einer staatlichen Institution wie einer Psychiatrie – den Kampf erklärt, kam genau richtig.

Ein Abräumer an der Kasse – und bei den Oscars

Das Psychiatrie-Drama wurde zum Kassenschlager, mit $200 Millionen Umsatz bei einem Budget von nur 4 Millionen Dollar. Bei der Oscar-Preisverleihung 1976 gewann «Einer flog über das Kuckucksnest» in allen fünf Hauptkategorien: Bester Film, Bester Regisseur, Bester Darsteller, Beste Darstellerin und Bestes Drehbuch.

Das Werk ist einer von nur drei Filmen, denen das bisher gelang. Die anderen sind «Es geschah in einer Nacht» (1934) und «Das Schweigen der Lämmer» (1991).

«Einer flog über das Kuckucksnest» machte einen Aussenseiter zum Helden, ein Tabuthema zum Erfolgsfilm. Ausserdem wirkte der Film über den Rand des «Kuckucksnests» hinaus und veränderte das Psychiatriewesen mit. Viele Gründe sich den Kultfilm immer wieder anzusehen.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Joos (Joop50)
    Ein Kultfilm aus den 70ern, den man absolut gesehen haben muss. Klar geht es darin um eine psychiatrische Anstalt, aber die Gesellschaftskritik des Streifens reicht weit darüber hinaus. Er zeigt, wie man damals mit missliebigen Leuten umgesprungen ist. Easy Rider lässt grüssen ... Und heute? Alles besser?
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  • Kommentar von Eduard Ender, Arni
    Die Kommentatorin sagt, dass Elektroschocks nur früher durchgeführt wurden. Stimmt so nicht. Heutzutage werden in der Schweiz täglich Elektroschocks durchgeführt. Im Gegensatz zu früher betäubt man heutzutage die Opfer vor dem Elektroschock. Nach einem Elektroschock sind so viele Nervenzellen und Synapsen zerstört, das das Opfer ein leben lang motorische Störungen hat. Es ist an der Zeit, dass diese barbarische "Behandlung" verboten wird.
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    1. Antwort von Rudolf Romy, Arni
      Bei sorgfältiger Indikation (, wie sie in der Schweiz gestellt wird,) kann die Elektrokrampftherapie Leben retten (siehe: perniziöse Katatonie). Bei sehr schweren Depressionen kann es zum Teil die einzige Möglichkeit sein, dieser sehr schweren Erkrankung zu entkommen. Die Behauptung, es werden viele Nervenzellen und Synapsen zerstört und es entstünden motorische Störungen sind haltlos. Meist kommt es zu akuten Verwirrtheitszuständen und leichten Amnesien.
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  • Kommentar von Alois Toto, St. Gallen
    Die Schweizer Filmindustrie beschäftigt sich ebenfalls mit diesem Thema. In der Schweiz waren noch sehr lange unmenschliche Psychiatrie-Methoden eine Tagesordnung. Die Schweizer Kinoproduktion "Das Deckelbad" (ab Nov. 2014) gewährt einen Einblick in die Psychiatrie der frühen 50er Jahre. Nach einer wahren Begebenheit aus der Ostschweiz. Ein Psychiatrie-Drama, das uns hoffentlich die unwürdigen Schweizer! Verhältnisse der Vergangenheit in Erinnerung ruft.
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    1. Antwort von Irgend Einer, St. Gallen
      Was uns heute rückblickend als unwürdig und unmenschlich erscheint, war damals nichts verwerfliches, stellte vielmehr die allgemein akzeptierten Normen, Verhaltens- und Vorgehensweisen dar. Auch wir leben aktuell in Verhältnissen und besitzen Verhaltensweisen, welche wir als völlig normal empfinden, in 50-100 Jahren jedoch als unmenschlich, barbarisch und unwürdig bezeichnet werden.
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