«Only Lovers Left Alive» zeigt Arthouse-Vampire, nicht Blutsauger

Der Vampirfilm ist nicht totzukriegen, obwohl es ihm seit Dekaden an Herzblut fehlt. Nun erfindet Jim Jarmusch das «untote» Genre neu. Im neusten Film des 60-Jährigen sind Vampire keine triebhaften Monster, sondern coole Kultur-Junkies. Schaurig schön verkörpert von Tilda Swinton und Tom Hiddleston.

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Trailer: «Only Lovers Left Alive»

2:09 min, vom 18.12.2013

Ein Vampirfilm von Jim Jarmusch? Irritierend ist das nur auf den ersten Blick. Schliesslich hat der Kultfilmer immer schon gerne mit uralten Genres gespielt. Sein Spielfilmdebüt «Stranger Than Paradise» (1984) war ein ungewöhnliches Roadmovie, «Dead Man» (1995) ein etwas anderer Western.

Vitales Bleichgesicht liebt schwermütigen Musiker

Porträt von Jim Jarmusch, nah, mit schwarzer Sonnenbrille.

Bildlegende: Regisseur Jim Jarmusch gehört auch mit 60 Jahren noch zu den innovativsten Köpfen Hollywoods. Reuters

Analysiert man die Typen, um die sich Jarmuschs Leinwandwerke drehen, fällt es einem zudem wie Schuppen von den Augen: Eigentlich waren seine Helden immer schon verkappte Vampire. Lakonische Schattengestalten, coole Aussenseiter und intellektuelle Individualisten, die es sich an der Peripherie gemütlich gemacht haben.

Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton spielt in «Only Lovers Left Alive» die belesene Eve, ihr britischer Landsmann Tom Hiddleston den menschenscheuen Gitarrengott Adam. Die beiden sind im Film ein Vampir-Liebespaar, das sich gegenseitig viel Freiraum gönnt. 6500 Kilometer um genau zu sein: Sie geniesst das pulsierende Nachtleben in Tanger, er hat sich an den Stadtrand von Detroit zurückgezogen. Eine klassische Fernbeziehung also. Doch wenn sie sich sehen, geht ihnen das Herz auf. Und den Romantikern im Publikum ebenfalls.

Biblische Namen deuten dunkle Geheimnisse an

Tilda Swinton als Eve und Tom Hiddleston als Adam, zusammen an einer gruftartigen Wand gelehnt, nach oben blickend.

Bildlegende: Tilda Swinton und Tom Hiddleston zeigen im Film, wie kultivierte Vampire leben und lieben. Filmcoopi

Wer im Gefühlstaumel nicht den Verstand verliert, wird über den Wert ewiger Liebe sinnieren. Und merken, dass es sich beim Pärchen womöglich um die ältesten Liebenden überhaupt handelt: Schliesslich heissen sie Adam und Eva.

Mit dieser Namensgebung wirft Jarmusch ketzerische Fragen auf: Schuf Gott am siebten Tag den Vampir? Oder entdeckten Adam und Eva ihren Blutdurst erst nach der Vertreibung aus dem Paradies? Wurden sie von jemandem gebissen oder fanden sie selbst das okkulte Schlupfloch zur Unsterblichkeit? Sind Adam und Eva somit gar Draculas Urahnen?

Egal wie viele Jahrhunderte ihre Beziehung nun schon auf dem Buckel hat – für Jarmusch ist sie völlig unverbraucht. Lustvoll inszeniert er jede winzige Geste der hippen Vampire und zelebriert ihre übermenschliche Anziehungskraft. Kitschig wirkt die bedeutungsschwangere Romantik dennoch nicht. Vermutlich, weil Tilda Swinton und Tom Hiddleston Jarmuschs reduzierten Stil verinnerlicht haben. Sie beherrschen den leeren Blick, den Jarmusch längst zu einer eigenen Kunstform erhoben hat. «Only Lovers Left Alive» ist wie alle guten Jarmusch-Werke lakonisch und pathetisch zugleich. Ausserdem beantwortet der Film alles, was Sie schon immer über moderne Vampire wissen wollten.

Vampire sind sensible Wesen, Menschen dagegen Zombies

Tilda-Swinton als Vampir trinkt Blut aus einem kunstvollen Gefäss, ähnlich wie jemand, der Wein trinkt.

Bildlegende: Wie eine Weinkennerin gönnt sich Vampir-Dame Eva (Tilda Swinton) einen Schluck Lebenssaft. Filmcoopi

So normal und unspektakulär wurden Vampire im Kino noch nie gezeigt. Lüsterne Blutsauger sind sie längst nicht mehr. Den roten Lebenssaft besorgen sich Jarmuschs Schöngeister aus dem Spital. Ihn den Menschen aus den Adern zu schlürfen, wäre unkultiviert und viel zu riskant. Das Blut könnte schliesslich verseucht sein. Beim Krankenhaus wissen die neurotischen Vampire, dass sie stets keimfreien Stoff kriegen. Hygiene ist Adam und Eve also wichtig. Ob sie deswegen ständig Handschuhe tragen, lässt der Film allerdings, wie so vieles, offen.

Glasklar ist dagegen, dass Vampire für Jarmusch fragile Gestalten sind: Sensible Künstlernaturen mit einem ausgeprägten Sinn für das Schöne. Rare Kulturgüter sind ihnen heilig. Darum horten sie Bücher, Platten und Instrumente wie kleine Schätze. Die Normalsterblichen kommen in «Only Lovers Left Alive» deutlich schlechter weg. Sie stellen entweder dumpfe, kranke oder gefühlstote Gestalten dar. Für Adam und Eve sind Menschen darum schlicht und ergreifend «Zombies». Ein beiläufiger und bitterböser Kommentar zum Stand der Dinge auf unserem Planeten.