Packender TV-Marathon: 24 Stunden in Jerusalem

Eine Dokumentation macht Jerusalem erlebbar – und heftet sich dafür 24 Stunden lang an die Fersen von Menschen, die dort leben. Das Ergebnis ist ein hochspannender filmischer Marathon durch einen Alltag der grossen Konflikte und kleinen Beschwerlichkeiten. Zu sehen in voller Länge am Ostersonntag.

Blick auf den Templeberg mit der Al-Aqsa-Moschee mit goldener Kuppel.

Bildlegende: Die TV-Dokumentation «24h Jerusalem» zeigt einen kompletten Tag in Jerusalem – ununterbrochen, in Echtzeit. Keystone

Eigentlich wollte ich ja bloss kurz reingucken, als die Dokumentation letztes Jahr ausgestrahlt wurde. Eine Viertel- oder Halbstunde vielleicht. Nur schnell schauen, wie dieses ambitiöse Megaprojekt, an dem 20 europäische, 20 israelische und 20 palästinensische Teams mitgewirkt hatten, so daherkommt. Wie die unterschiedlichen Orte und Personen, Geschichten und Biografien miteinander verknüpft werden. Wie die Produzenten aus 600 Stunden Filmmaterial schliesslich deren 24 machten.

Denn eigentlich hätte ich weiss Gott noch anderes zu tun gehabt: putzen, einkaufen, den Hund ausführen. Aber dann blieb ich sitzen. Zuerst fast vier Stunden am Morgen, dann noch einmal gut zwei am Nachmittag und schliesslich fast die ganze Nacht. Gebannt. Absorbiert. Von der Welt abgekoppelt – und gleichzeitig mittendrin.

Jerusalem erleben

Jerusalem: eine Stadt mit 7000 Jahren Geschichte, 800'000 Einwohnern, unzähligen Pilgern, drei Weltreligionen, einem Konflikt. Eine heilige Stadt. Und gerade deshalb eine geteilte und zersplitterte, empfindliche und verletzte, gefährliche und konfliktreiche.

Die Fernsehdokumentation macht Jerusalem erlebbar – und heftet sich dafür an die Fersen von Menschen, die hier leben. Man begleitet einen Müllmann und eine Hebamme und eine Bäckerin und einen Restaurantbesitzer und eine Polizistin und einen Rettungsfahrer und einen Franziskanerpriester und eine Architektin und einen Bauarbeiter und und und – der Alltag von insgesamt 90 Leuten wird in diesen 24 Stunden greifbar. Und begreifbar.

Die Dokumentation zeigt den Alltag von Armen und Reichen. Juden, Christen und Muslimen. Palästinensern, israelischen Arabern und jüdischen Israeli. Religiösen und Säkularen. Man lernt fanatische nationalreligiöse Juden kennen, die dort, wo die Al-Aksa-Moschee steht, den jüdischen Tempel wieder aufbauen wollen. Palästinenser, die sich davor fürchten, aus Jerusalem verdrängt zu werden. Eine Auschwitz-Überlebende, die vor Jahren nach Israel geflüchtet ist. Eine Mitarbeiterin des Holocaust-Museums, die Personalausweise von Deportierten einscannt.

Gefesselt bis morgens um 6

24 Stunden Jerusalem: Das ist ein hochspannender filmischer Marathon durch einen Alltag der grossen Konflikte und der kleinen Beschwerlichkeiten. Ein fesselndes Porträt über eine Stadt voller Brüche, in der jeder Stein eine Bedeutung hat, in der alles politisch ist. Eine Stadt, in der die Menschen für den Frieden beten, um den sie Krieg führen.

Als ich morgens um sechs den Fernseher abstellte, um wenigstens noch ein paar Stunden zu schlafen, da wusste ich zweierlei. Erstens: Es braucht nichts weniger als ein Wunder, damit in dieser Stadt je Frieden einkehrt. Zweitens: Solange es solche Sendungen gibt, ist die (Fernseh-)Welt noch nicht verloren.

Sendehinweis

«24h Jerusalem», Ostersonntag ab 06.00 Uhr auf SRF zwei.

DVD-Hinweis

«24h Jerusalem». Universal, 2014 (8 DVDs).