Pakistan abseits der Schlagzeilen und radikalen Ideen

«Mulhapar» ist ein Schweizer Dokumentarfilm über das gleichnamige pakistanische Dorf. Regisseur Paolo Poloni porträtiert, wie Christen und Muslime zwar friedlich, aber nicht gleichberechtigt zusammenleben. Im Zentrum: die Freundschaft zweier Mädchen, einer Muslima und einer Christin.

Zwei Männer fahren auf Fahrrädern auf einem ungeteerten Weg in der Morgensonne.

Bildlegende: Die Stimmungen in «Mulhapar» sind so eindrücklich, als ob man den Morgennebel auf der eigenen Haut spüren würde. Reckfilm

Die erste Szene von «Mulhapar» erinnert entfernt an Fellinis Meisterwerk «Amarcord». Mit dem Mann auf dem Baum und seinem inbrünstigen Ruf: «Voglio una donna!» Hier nun läuft ein Mann mit seiner kleinen Kuhherde über Land und schreit in regelmässigen Abständen «Ich bin Junggeselle, ich bin Junggeselle!» Wir sind aber nicht in Italien, sondern auf den Strassen von Mulhapar, einem Dorf in Pakistan.

Kleine und grosse Dramen

Im Zentrum des Films stehen Marvi und Somera, zwei Mädchen im frühen Teenageralter. Sie sind beste Freundinnen. Dass die eine Muslima und die andere Christin ist, sieht man nicht – und es stört die beiden auch nicht. Marvi erzählt, wie sie manchmal zur Kirche mitgeht, weil sie das so spannend findet, auch wenn die älteren Jungs im Dorf sie deswegen hänseln.

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Trailer «Mulhapar»

2:57 min, vom 4.12.2014

Marvi und Someras Familien gehören zu den Ärmsten im Dorf. Sie nähen Fussbälle, arbeiten im Tagelohn auf den Reisfeldern oder als Bedienstete für eine der reichen Familien, um ihren kargen Lebensunterhalt zu bestreiten. In gemächlichem Tempo nimmt uns Regisseur Paolo Poloni mit ins Dorf Mulhapar, lässt uns am Alltag seiner Protagonistinnen und Protagonisten teilhaben. So lernen wir sie und ihr Dorf langsam kennen, die Sorgen, die Leidenschaften, die Beziehungsgeflechte, die Dorffeste und die kleinen und grossen Dramen. Der Regisseur hat selber hinter der Kamera gestanden. Seine Bilder sind so eindrücklich und intensiv, dass wir den Morgennebel auf der eigenen Haut zu spüren glauben oder von der stechenden Mittagssonne auf den Reisfeldern geblendet werden.

Fragile Ordnung im Dorf

Der Film zeigt pakistanischen Alltag fern von Zeitungsmeldungen, wie wir sie üblicherweise lesen. Da gibt es keine radikalisierten Islamisten, keine kriegerischen Konflikte. Die Ordnung im Dorf Mulhapar ist strikte und klar: Fünf grosse muslimische Familien besitzen praktisch alles, der Rest lebt in Armut.

Eine kleine Gemeinde von Christen dient seit Jahrzehnten diesen Familien, ohne selber Land besitzen zu dürfen. Sie ist geduldet, hat im Dorf ihre eigene kleine Kirche, feiert ihre eigenen Feste. Alles hat seine Regeln – dass diese aber ganz fragil sind, spürt man in diesem Film.

Fremde Weihnachtsfeier

Regisseur Paolo Poloni lenkt unseren Blick auf die Details, auf die Hand des muslimischen Grossgrundbesitzers, die auf dem Bein eines christlichen Landarbeiters liegt, um diesen still zu halten. Auf die Weihnachtsfeier, die uns wegen der Gesänge und Trommeln so fremd vorkommt. Dem ruhigen Lauf des Alltags stehen dramatische Momente gegenüber, ein kriminelles Ereignis, grosse Feste, ein ungewöhnlicher Besuch von transsexuellen Hijras, der dem leisen Filmporträt nochmals einen weiteren skurrilen Fellini-Moment beschert.

Am Ende haben wir das Gefühl, einen neuen Ort und die Menschen dort kennen gelernt zu haben. Wir fragen uns, was wohl aus den beiden besten Freundinnen aus zwei Religionen werden wird, die am liebsten einmal auf dem gleichen Friedhof begraben wären, obwohl das ein unerfüllbarer Wunsch bleiben muss. Und wir behalten den Ruf des Junggesellen im Ohr, der immer noch keine Frau gefunden hat.

Kinostart

Der Dokumentarfilm «Mulhapar» von Regisseur Paolo Poloni feierte am diesjährigen Filmfestival Locarno Premiere. Kinostart in der Deutschschweiz ist der 4. Dezember 2014.

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