Philip Seymour Hoffman ist der Spion, den wir liebten

Wie weit darf eine Behörde gehen, um Unrecht zu verhindern? Um dieses Dilemma kreist der Thriller «A Most Wanted Man» nach dem Roman von John le Carré. In Erinnerung bleibt der Film aus einem Grund: Der Schauspieler Philip Seymour Hoffman beweist noch einmal, was die Kinowelt an ihm verloren hat.

Im Vordergrund ist der Kopf einer liegenden jungen Frau sichtbar, hinter ihr sitzt ein älterer Mann in Anzug und Krawatte. Der Raum ist ganz in grünes Licht getaucht.

Bildlegende: Philip Seymour Hoffman als Anti-Terror-Agent Günther Bachmann (im Vordergrund: Rachel McAdams als Annabel). Ascot Elite

Seit den Terroranschlägen auf das World Trade Center im Jahr 2001 hat Hamburg ein Imageproblem: Mehrere der islamistischen Attentäter starteten von der deutschen Hafenstadt aus. In Anton Corbijns Spionagethriller «A Most Wanted Man» versucht eine Einheit von Terrorexperten deshalb, das extremistische Netzwerk in Hamburg zu unterwandern, um künftige Anschläge zu verhindern.

Ein Köder für den Hai

Angeführt wird das Team von Günther Bachmann, gespielt von Philip Seymour Hoffman. Das Geheimdienstleben hat dem Hamburger übel mitgespielt: Nach einem verpatzten Auslandeinsatz ist der Ermittler ein gebrochener Mann. Nur dank Disziplin und sehr vielen Zigaretten schafft er es durch den Alltag.

Um die Terrorzellen zu überwachen, sucht Bachmann Informanten, die er unter Druck setzen kann. Mit kleinen Fischen fängt man grosse Fische, weiss der Ermittler. Er hat es auf jemand ganz Besonderes abgesehen: In Hamburg lebt ein einflussreicher muslimischer Geschäftsmann, der öffentlich von Frieden zwischen den Kulturen spricht. Heimlich aber finanziert er Terroristen. Auch der CIA ist alarmiert.

Jeder hintergeht jeden

Bachmann sucht einen geeigneten Köder und findet ihn: Der illegal eingereiste Sohn eines tschetschenischen Kriegsverbrechers will in Hamburg das Millionenerbe seines Vaters antreten. Die Überwachung dieses «Most Wanted Man» stellt die Ermittler nicht nur vor logistische Probleme: Wie weit darf eine Behörde gehen, um Unrecht zu verhindern?

Der Thriller nach dem gleichnamigen Roman von John le Carré deckt seine Karten nur langsam auf. Das verlangt Aufmerksamkeit und auch ein wenig Geduld. Anton Corbijn («The American») filmt das moralische Dilemma der Ermittlungsarbeiten grau in grau: Jeder hintergeht hier jeden. In der Hoffnung, dass der Zweck die Mittel heiligt.

Nicht alle sind ersetzbar

Anfang 2014 verstarb US-Schauspieler Philip Seymour Hoffman. In «The Hunger Games» ist er aktuell in einer Nebenrolle zu sehen. Jeder sei ersetzbar, sagt Hoffman darin. Doch «A Most Wanted Man» beweist das Gegenteil. In seiner letzten Hauptrolle zeigt der nuancierte Charakterdarsteller noch einmal, dass er wirklich fast alles spielen konnte – sogar einen «Tatort»-Kommissar.

Das internationale Ensemble ist mit Willem Dafoe, Nina Hoss und Robin Wright blendend besetzt. Doch in Erinnerung bleibt der Film aus einem einzigen Grund: Keiner hätte den zwiespältigen Ermittler besser verkörpern können als Hoffman, der diese letzte Hauptrolle wie alle seine Nebenrollen spielte: grossartig.