Polanskis «Vénus à la fourrure»: Wer ist hier der Wolf im Pelz?

Roman Polanskis Gattin Emmanuelle Seigner spielt in der Kino-Adaption des Theaterstücks «Venus im Pelz» eine Frau, die aus einem Macho-Regisseur ein Maso-Lämmchen macht. Der Film ist ein reizvolles Vexierbild voller Selbstironie.

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Filmkritik zu «Vénus à la fourrure»

3:36 min, vom 13.11.2013

Nach dem Theaterstück «Carnage – Der Gott des Gemetzels» ist «La Vénus à la fourrure» bereits der zweite Broadway-Hit, den Roman Polanski auf die grosse Leinwand bringt. Das Drama «Carnage» war mit seiner Reduktion auf vier Personen und eine Wohnung als Drehort schon ziemlich gewagt.

Mit seiner jüngsten Regiearbeit geht der 80-jährige Oscar-Preisträger nun noch einen Schritt weiter weg von dem, was gemeinhin als filmisch gilt. Seine «Vénus» kommt mit nur zwei Figuren und einer Theater-Bühne als Location aus. Langeweile kommt in den über 90 Filmminuten dennoch keine auf – dank starker Inszenierung, grossartiger Besetzung sowie einer Geschichte, in der sich unentwegt Polanskis Leben und Werk zu spiegeln scheinen.

Das Dummchen wird zur Liebesgöttin

Mathieu Amalric als Regisseur kniet vor der nur mi einem Nachthemd bekleideten Emmanuelle Seigner als Vanda.

Bildlegende: Aus dem Macho wird ein unterwürfiges Lämmchen: Mathieu Amalric und Emmanuelle Seigner. Ascot Elite

Mathieu Amalric spielt in «La Vénus à la fourrure» einen machthungrigen Mann, der als Polanskis Alter Ego begriffen werden kann: Ein Regisseur, der Leopold von Sacher-Masochs «Venus im Pelz» – die berühmt-berüchtigte Novelle über lustvolle Unterwerfung aus dem 19. Jahrhundert – als aktualisiertes Theaterstück adaptieren möchte.

Wie er das Ganze inszenieren will, weiss er schon; nur die richtige Hauptdarstellerin hat er noch nicht gefunden. Keine der Bewerberinnen scheint ihm gut genug für sein Stück. Bis völlig verspätet Vanda (Emmanuelle Seigner) auftaucht: ein auf den ersten Blick ebenso talentfreies wie ungehobeltes Dummchen.

Doch kaum auf der Bühne, verwandelt sich Vanda mit Haut und Haaren in die gesuchte Liebesgöttin. Durchdrungen vom leidenschaftlichen Geist des Stoffs und gekleidet in einem selbst mitgebrachten Morgenrock aus der Zeit Sacher-Masochs, überrascht sie den Regisseur mit einer Performance, die aus dem zynischen Skeptiker einen unterwürfigen Verehrer macht.

Eine gewollte Ähnlichkeit?

Dass Polanski seine eigene, 33 Jahre jüngere Gattin in diesem Liebes- und Machtspiel zur Göttin emporstilisiert, die einem dominanten Regisseur das Fürchten vor der Kraft des Eros lehrt, ist nicht die einzige witzige Spiegelung in dieser referenzreichen Satire über Sexismus. Dank seines 70er-Jahre-Scheitels und einer Weste im «Tanz der Vampire»-Look, sieht Hauptdarsteller Mathieu Amalric dem jungen Polanski in diesem Film verblüffend ähnlich. «Ich finde nicht, dass wir uns besonders gleichen», behauptete Polanski an der Pressekonferenz in Cannes kokett – mit einem spitzbübischen Grinsen auf den Lippen.

Ein weiteres Glanzlicht in Polanskis Oeuvre

Emmanuelle Seigner und Mathieu Amalric spielen eine Szene auf dem Sofa, daneben Roman Polanski mit Objektiv in der Hand.

Bildlegende: Seine eigene Frau und ein Schauspieler, der ihm verblüffend ähnlich sieht: Roman Polanski (l.) und seine Protagonisten. Ascot Elite

Dass sich Roman Polanski der grossen optischen Ähnlichkeit durchaus bewusst ist, verrät Hauptdarsteller Mathieu Amalric im SRF-Interview: «Roman würde nie zugeben, dass er unsere Ähnlichkeit ganz bewusst eingesetzt hat. Und doch war es seine Idee, meine Haare exakt so zu frisieren, wie er sie in den 70ern getragen hatte. Als wir dann gemeinsam mein Kostüm für den Film einkaufen gingen, sagte er dem Verkäufer, er suche eine Weste für seinen Sohn. Das sagt wohl alles!»

«La Vénus à la fourrure» lebt von solchen pikanten Spielchen, die dem Publikum viel Deutungsspielraum lassen und dieses immer wieder mit der eigenen Erwartungshaltung konfrontieren. Als Zuschauer glaubt man, den Erotomanen Polanski und dessen Besessenheit von den Themen Macht und Ohnmacht schliesslich zu kennen.

Auch die «Vénus» dreht sich um diese allzu vertrauten Brennpunkte in Polanskis Kino-Kosmos – doch erfreulicherweise ganz anders als man dies vermutet hätte. Denn sind wir ehrlich: Mit raffinierten Finten konnte im jüngsten Alterswerk des Macho-Regisseurs gerechnet werden, mit feministischen Pointen dagegen nicht. «La Vénus à la fourrure» ist ein weiteres Glanzlicht in Roman Polanskis verführerischem Oeuvre.