Räuberromantik im Spessart

Eine feine, adelige Dame im Burschenkostüm fasziniert die Kinozuschauer der 50er-Jahre. «Das Wirtshaus im Spessart» bot der Nachkriegsgesellschaft leichte Unterhaltung auf hohem Niveau. Kindlich-überdreht und naiv. Trotzdem, der Klassiker ist bis heute ein Dauerbrenner.

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Filmschatz: «Das Wirtshaus im Spessart»

4:42 min, vom 14.1.2015

Filme voller guter Laune, fröhlicher Balladen und Chansons. Beim deutschen Film der 50er-Jahre war unbeschwerte Unterhaltung garantiert. Darunter auch der Klassiker «Das Wirtshaus im Spessart».

Mann spielt Frau ein Lied auf Gitarre vor

Bildlegende: So ein charmanter Räuberhauptmann. EuroVideo

Wer kann sich noch erinnern: Lilo Pulver in Burschenkleider. Sie spielt die Komtess Franziska. Als Räuberjunge getarnt, mischt sie sich unter eine Banditenbande, um ihr verschlepptes Gefolge zu befreien. Denn eigentlich hätte sie entführt werden sollen, nur tauschte sie vorher geschickt mit einem Reisenden die Kleider. Jetzt liegt es an ihr, ihren Retter zu retten. Was sich nach einer spannenden Räubergeschichte anhört, ist – für das Publikum der 50er-Jahre – als ein feucht-fröhlichen Musical inszeniert worden. Tanzende und singende Räuber, die von einem Leben als Spiessbürger träumen. Ein charmanter, sogar kultivierter Räuberhauptmann, der, stets glatt rasiert, der Komtess den Kopf verdreht.

Klamauk für die Nachkriegsgesellschaft

Mann Pferd Frau

Bildlegende: Pferde stehlen mit Lilo Pulver und Carlos Thompson EuroVideo

Eine heitere, musikalische Liebeskomödie. Genau das richtige für die Zuschauer der Nachkriegszeit. Vergessen statt Aufarbeitung. Die Leute in Deutschland wollten das Wirtschaftswunder geniessen und sich an fröhlichen Filmen erfreuen. Ein Schwank nach dem anderen wurde gedreht. Man setzte auf Klamauk wie auf Bananenschalen ausrutschen oder mit Kleidern ins Wasser fallen.

Kumpeltyp statt Sexbombe

«Das Wirtshaus im Spessart» ist da anders. Klar, es ist ein leichtfüssiger Unterhaltungsfilm. Doch auf einem Niveau, das nicht zu unterschätzen ist. Regisseur Kurt Hoffmann setzte die Räubergeschichte von Wilhelm Hauff mit viel Fantasie und einer kindlichen Frechheit um. Aber vor allem begeistert der, für damalige Verhältnisse, bissige Humor. Zum Beispiel wie die selbstbewusste Komtesse mit ihren kecken Sprüchen die Männer in den Schatten stellt. Mit ihr kann man Pferde stehlen, das macht sie dem Räuberhauptmann gleich mal klar. Kurt Hoffmann schuf mit Lilo Pulver das burschikose doch liebenswerte Frauenbild der 50er-Jahre. Kumpeltyp statt Sexbombe. Für diese Rolle erhielt sie 1958 den Deutschen Filmpreis.

Zwei Räuber

Bildlegende: Das Kabarett-Duo Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller EuroVideo

Ein Stück Unbeschwertheit

57 Jahre später ist «Das Wirtshaus im Spessart» immer noch ein beliebter Dauerbrenner im Fernsehen. Auch gibt es zahlreiche Theateradaptionen von Kurt Hoffmanns Verfilmung. Sogar der Drehort Aschaffenburg zieht bis heute Touristen in die Region und brachte dem Spessartvolk etwas Wohlstand.

Man merkt dem Film sein Alter an. Für den heutigen Geschmack ist er zu bunt, zu naiv, zu kitschig. Doch für die 50er-Jahre war Kurt Hoffmanns Stil neu und richtungsweisend für deutsche Filmmusicals. Dass wir heute den Klassiker trotzdem mögen, liegt womöglich an der authentischen Inszenierung der Unbeschwertheit. Ein Stück Filmgeschichte, das uns das Lebensgefühl der goldenen 50er-Jahre spüren lässt.