Regisseurin Chantal Akerman revolutionierte das europäische Kino

Mit viel Energie hat sie in Locarno im August noch ihren letzten Film vorgestellt. Gestern ist die belgische Filmemacherin Chantal Akerman im Alter von 65 Jahren gestorben. Einem grossen Publikum unbekannt, prägte sie in den 70er-Jahren den modernen Film – und vor allem das feministische Kino.

Chantal Akerman trägt einen Blazer.

Bildlegende: Mit Chantal Akerman stirbt eine wichtige Figur des feministischen Kinos (Aufnahme von 1985). Imago/Leemage

1975 hat die erst 25 Jahre alte Chantal Akerman aus Brüssel mit einem sehr ungewöhnlichen, dreieinhalb Stunden langen Film das europäische Kino revolutioniert. Allein schon der Titel war seltsam, er bestand aus einer Adresse: «Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles».

Eine Hausfrau paniert Fleisch.

Bildlegende: Eine ganz normale Hausfrau? Szene aus «Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce, 1080 Bruxelles». Janus Films

Den Inhalt des Films fasst die junge Autorin in einer Fernsehsendung damals so zusammen: Der Film erzähle drei Tage aus dem durchstrukturierten Alltags-Leben einer Frau. Die Frau sei Witwe, sie lebe allein mit ihrem Sohn und sie habe seit dem Tod ihres Mannes nichts am Tagesablauf verändert. Ausser dass sie jeden Tag zwischen fünf und halb sechs Männer empfange, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

Ein faszinierender Schock

Die Sachlichkeit und Nüchternheit, mit welcher Chantal Akerman damals die Prostitution in den Alltag integrierte, und vor allem das betonte Interesse an der psychischen Verfassung der Frau, die schliesslich einen ihrer Kunden ersticht, hat Kritiker und Publikum schockiert und fasziniert. Der Film war mit seiner dokumentarischen Nüchternheit stilbildend, Chantal Akerman hatte quasi über Nacht eine Etikette bekommen.

Noch 20 Jahre später, als ihre smarte Psychoanalyse-Komödie «A Couch in New York» mit Juliette Binoche bei Publikum und Kritik durchgefallen war, war Akerman überzeugt, das liege an der Schublade, in die man sie gesteckt habe. Alle hätten von ihr bloss noch ein Remake dieses ersten grossen Erfolgs erwartet.

Eine filmische Messlatte

Dabei ist Chantal Akerman zeitlebens eine geschätzte und bewunderte Filmemacherin geblieben. Das grosse Publikum hat sie mit ihren über 40 Dokumentar- und Spielfilmen nie mehr erreicht. Aber für jüngere Kollegen und insbesondere Kolleginnen blieb sie Vorbild, Messlatte und oft auch eine sehr raubeinige, ebenso herzliche wie unverblümte Sparring-Partnerin.

Ihr letzter Film «No Home Movie», den sie im August am Filmfestival Locarno gezeigt hat, gab sie sich alle Mühe, seinem Titel gerecht zu werden. Im Wesentlichen nahm sie damit Abschied von ihrer zunehmend dementen Mutter, filmte sich im Gespräch mit der alten Frau, stets bemüht, keine Rührung und keine filmische Ästhetik aufkommen zu lassen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 6.10.2015, 17:15 Uhr.

Filmkritik «No Home Movie»

Filmkritik «No Home Movie»

Die Filmbesprechung zu Chantal Akermans letztem Film finden Sie hier.