Romeo und Julia in der Banlieue

«Geronimo» ist die bekannte Geschichte über eine verbotenen Liebe – aber anders. Der Film spielt im Schatten der sozialen Missstände in den französischen Banlieues. Trotzdem: Keine schwere Kost, sondern ein energiegeladenes, temperamentvolles Schauspiel im Rhythmus von Flamenco und Hip-Hop.

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Keine 3 Minuten: «Geronimo»

2:57 min, vom 3.6.2015

Jung, wild und verknallt. Zwei verliebte Teenager büxen aus. Auf dem Motorrad fliehen sie aus der Tristesse einer Banlieue in Südfrankreich. Eng umschlungen schreien sie Liebesschwüre in den Wind. «Geronimo» startet euphorisch und doch ahnt man das kommende Unheil. Denn das Mädchen ist mit ihrem Liebhaber durchgebrannt – am Tag ihrer Hochzeit. Nil ist ein türkisches Mädchen und sollte zwangsverheiratet werden. Zu alldem ist Lucky, ihr Liebhaber, ein Spanier mit Roma-Wurzeln. Nils Familienehre hätte nicht schlimmer beschmutzt werden können. So sieht das jedenfalls ihr hitzköpfiger Bruder. Er schwört Blutrache und will die beiden umbringen. Um Schlimmeres zu verhindern, versteckt die Sozialarbeiterin Geronimo die beiden und bringt sich damit selbst in Gefahr. Denn die vermeintliche Braut-Entführung entfacht einen Krieg zwischen Roma- und Türken-Clan.

    • Frau rennt durchs Feld

      Bildlegende: Newcomerin Céline Sallette spielt die furchtlose Sozialarbeiterin Geronimo. Pathé Films

      Das stärkste Zitat

      Sozialarbeiterin Geronimo will von Nils Liebhaber Lucky wissen, wie er zu ihr steht: «Wie sehr liebst du Nil?» Schweigen … «Das hier ist kein Scherz. Es ist total Scheisse. Die ganze Türkenfamilie ist hinter dir her. Deine Familie ist auch in der Scheisse. Du bist der Don Juan des Quartiers. Das gefällt dir …Also, von 1 bis 10, wie sehr liebst du sie?» «7.»

    • Regisseur Tony Gatlif

      Bildlegende: Der algerisch-französische Regisseur Tony Gatlif auf dem Locarno Filmfest. Pathé Films

      Der Regisseur

      Die Filme des Regisseurs Tony Gatlif haben oft einen starken Bezug zu seiner Herkunft. Der Sohn eines Berbers und einer Romni, einer Roma-Frau, wurde 1948 im französisch besetzten Algerien geboren und wanderte Anfang der 1960er-Jahre nach Frankreich aus. Dort studierte er Schauspiel und gelangte so zum Film. In Gatlifs Filmen spielt vor allem die Kultur der Roma eine wichtige Rolle. Sein Durchbruch gelang ihm 1993 mit dem Musik-Film «Latcho Drom». Dieser lief auf dem Festival in Cannes, er handelt von der weltweiten Migration der Roma und wie sie mit Musik ihr Umfeld beeinflussen. Musik und Roma-Kultur spielen auch in «Geronimo» eine starke Rolle. So tragen die verfeindeten Clans ihr Gefecht – statt mit Fäusten – in einem feurigen Tanz-Wettkampf aus.

    • Gang auf der Strasse

      Bildlegende: Der türkische Clan will Blutrache. Pathé Films

      Fakten, die man wissen muss

      Der Film spielt in einer Banlieue in Südfrankreich – so nennt man die Ghettos in Frankreich, in denen seit gut drei Jahrzehnten schlimme soziale Zustände herrschen. Die meisten Bewohner sind Einwanderer aus ehemaligen französischen Kolonien wie Algerien und Marokko. Durch Rassismus, Vorurteile und politische Vernachlässigung sind die Bewohner dieser Vororte an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden. Die Unruhen von 2005 waren ein Protest gegen diese Missstände. Trotzdem ist bis heute keine politische Wende eingetreten. Am härtesten trifft es die vielen arbeitslosen Jugendlichen. Anstellen will sie keiner. Sie gelten als kriminell, ungebildet und gewalttätig. Ihre Adresse geben sie bei Bewerbungen lieber nicht an, sonst werden sie gleich aussortiert. Diese Per­s­pek­tiv­lo­sig­keit greift der Film «Geronimo» auf. Auf die Frage der Sozialarbeiterin, ob sie nichts Besseres zu tun hätten als den ganzen Tag nur abzuhängen, antworten die Teenager: «Nein. Was sollen wir hier schon machen?»

    • Frau und Mann

      Bildlegende: «Geronimo»: Ein temperamentvolles Drama. Pathé Films

      Das Urteil

      «Geronimo» erinnert an zwei Filme. Zum einen an das berühmte Musical «Westside Story», das Shakespeares «Romeo und Julia» in die Ghettos von New York überträgt, dann an das französische Drama «Hass», in dem der gewalttätige Alltag in den Banlieues geschildert wird. «Geronimo» schafft das Kunststück, ein gesellschaftskritisches Thema im Rhythmus von Musik und Tanz zu erzählen, ohne dabei ein Musical zu sein. Wenn im Film der Türken-Clan den Roma den Krieg erklärt, antwortet der Roma-Clan darauf mit einem Flamenco-Stepptanz auf den Holzlatten eines Sarges. Provokant aber gewaltlos. Zusammen mit seinen starken Charakteren ist «Geronimo» ein energiegeladenes, kreatives Drama. Absolut sehenswert.

Kinostart: 04.06.2015

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