Neu im Kino Scarletts Seelenhauch als unbeugsames Gespenst in der Maschine

Hollywoods Realverfilmung des Anime-Klassikers «Ghost in the Shell» bleibt dem philosophischen Geist der Vorlage treu.

Video «Filmstart diese Woche: «Ghost in the Shell»» abspielen

Filmstart diese Woche: «Ghost in the Shell»

2:58 min, aus Keine 3 Minuten – Die Filmkritik für Eilige vom 31.3.2017

Ein Roboter, in dem die Seele eines Menschen lebt. Das ist sogar in der High-Tech-Zukunft, in der «Ghost in the Shell» spielt, etwas Neues. Major (Scarlett Johansson), die kampfstarke Anführerin einer Elite-Einheit, ist die Erste ihrer Art.

Ihr Auftrag? Hackerattacken von Terroristen zu verhindern. Denen ist inzwischen Übles gelungen; nicht nur Computer, sondern auch menschliche Gedanken zu manipulieren. Wie das geht? Über kybernetische Schnittstellen, die zwecks Leistungssteigerung inzwischen in so gut wie jedem menschlichen Gehirn stecken. Schöne neue Welt!

Das stärkste Zitat

Auf dem Operationstisch: Scarlett Johansson als Halbroboter.

Bildlegende: Was ist die Essenz des Mensch-Seins? «Ghost in the Shell» lädt zum Philosophieren ein. Universal

«Die meisten Menschen klammern sich an Erinnerungen fest, um zu erklären, wer sie sind. Dabei sind es die Taten, die einen definieren!» Dr. Ouelet (Juliette Binoche) – Wissenschaftlerin mit Mutterinstinkt – hilft Major (Scarlett Johansson) bei der Identitätssuche auf die Sprünge.

Die Schauspielerin

Scarlett Johansson im knietiefen Wasser vor der Skyline einer asiatischen Metropole.

Bildlegende: Hüa! Mit Scar-Jo als Zugpferd will «Ghost in the Shell» viel Geld in die Kassen spülen. Universal

Scarlett Johansson hat eine riesige Fangemeinde. Im letzten Jahr war sie der Hollywoodstar, dessen Filme weltweit am meisten einspielten. Und wenn man sich auf die weibliche Konkurrenz beschränkt, wird’s sogar noch eindrücklicher. Zählt man die US-Einspielergebnisse all ihrer Hits zusammen, kommt man auf 3,6 Milliarden Dollar: Keine Schauspielerin hat je mehr Geld in die Kinokassen gespült als die 32-jährige New Yorkerin.

Trotzdem ging ein Aufschrei durch die Medien, als bekannt wurde, dass Scar-Jo die Heldin in «Ghost in the Shell» spielt. Wieso? Weil die Figur, die sie in Hollywoods Anime-Adaption verkörpert, Japanerin ist. Klar, dass die Rassenfrage die Schlagzeilen dominierte, auch wenn die Besetzung der Hauptrolle mit Superstar Johansson ökonomisch Sinn macht. Der Vorwurf? Whitewashing!

Fakten, die man wissen sollte

Scarlett Johansson im freien Fall.

Bildlegende: Überwältigungskino vom Feinsten: Bauch rein, Brust raus und kopfüber in die Tiefe! Universal

Was sagt Momoru Oshii, der Schöpfer des Kult-Animes, zur umstrittenen Wahl von Scarlett Johansson? Der Japaner zeigt sich begeistert: «Sie kommt meiner ursprünglichen Vision des Charakters sehr nahe. Diese Rolle war für sie vorbestimmt.» Hinter dieser Aussage steckt mehr als nur PR – schliesslich ist Oshii am Remake nicht direkt beteiligt.

Dass es überhaupt zu diesem kam, ist das Verdienst von Steven Spielbergs Tochter. Die war nämlich zufällig dabei, als Produzent Avi Arad ihrem Vater die Realverfilmung von «Ghost in the Shell» vorschlug. Das Mädchen wusste buchstäblich alles über das japanische Original.

Die Passion der Tochter übertrug sich auf den prominenten Papa – der Rest ist Geschichte. 2008 kaufte Spielberg für Dreamworks die Rechte, bevor – nach satten acht Jahren Vorproduktion – endlich die erste Klappe fiel.

Das Urteil

Eine Roboter-Geisha aus der nahen Zukunft.

Bildlegende: Unheimliche Roboter-Geisha: Was wohl hinter ihrer stoischen Mimik steckt? Universal

Wenn sich die Traumfabrik einen Klassiker aus Übersee vorknüpft, um ihn nach Hollywood-Art neu zu verfilmen, kommt selten etwas Gescheites dabei heraus. «Ghost in the Shell» gehört glücklicherweise zum Kreis der raren Ausnahmen. Der Anime-Hit hat die Umwandlung zum Realfilm gut überstanden. Warum? Weil der frisch verjüngte Science-Fiction trotz internationaler Starbesetzung zu seinen Wurzeln steht und unter der Schale unverkennbar japanisch bleibt.

Auch in philosophischer Hinsicht wahrt das bombastisch betörende Remake den Geist der Vorlage, die munter zwischen Arthur Koestler («Das Gespenst in der Maschine») und Walter Benjamin oszilliert. Wenn «Ghost in the Shell» ein Traktat wäre, ginge es darin um die Überwindung des Körper-Geist-Dualismus’ und die Frage, was dabei mit der menschlichen Aura geschieht. Der Titel? Die Seele im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit.

Kinostart: 30.03.2017