Schauspiel-Legende Ruedi Walter: Neun Fakten und ein Filmschatz

Mit «Anne Bäbi Jowäger» schrieb Ruedi Walter ein Stück Schweizer Filmgeschichte mit. Der Star aus «Die kleine Niederdorfoper» gehörte zu den bedeutendsten Schauspielern der Schweiz. Der Kabarettist starb vor 25 Jahren, doch sein Talent wird bis heute verehrt. Ein Film und neun Fakten.

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Filmschatz: «Anne Bäbi Jowäger»

4:09 min, vom 10.6.2015

1.Ruedi Walters Zukunftsvision

Ruedi Walter hätte schon mit 17 Jahren seine Schauspiel-Karriere beginnen können. Denn 1934 schrieb er zusammen mit einem Freund sein erstes Theaterstück für das Basler Stadt-Casino, in dem er auch die Hauptrolle übernahm. Die Geschichte war eine Zukunftsvision: Eine Fernsehreportage über das Schul- und Privatleben von Schülern. Das erinnert stark an die heutigen Realitysoaps. Man könnte meinen, dass Ruedi Walter den Trend des voyeuristischen Fernsehens voraussah.

Ruedi Walter mit Zigarette

Bildlegende: Ruedi Walter bei den Aufnahmen für das Fernsehspiel «Guete Abig Signor Steiger». Keystone

2. Kaufmann statt Kabarettist

Trotz der ersten Erfolge in jungen Jahren war ihm das Unterhaltungsgeschäft zu riskant. Er entschied sich für einen wirtschaftlich sichereren Weg und machte eine kaufmännische Ausbildung. Danach ging er ins Ausland, nach Paris später nach London. In der englischen Hauptstadt arbeitete er für den Teegrossisten Twining. Wieder zurück in der Schweiz war er in der Werbeabteilung des Suppenherstellers Maggi angestellt.

3. Die Soldatenbühne

Während seiner Zeit in der Armee waren Ruedi Walters Witze treffsicherer als seine Schiessübungen. Auf der Soldatenbühne «Bärentatze» brachte er die Truppen zum Lachen und konnte so sein Talent ausleben. Nach der Entlassung musste er sich zwischen seinem alten kaufmännischen Beruf und der Bühne entscheiden. Hätte er sich gegen die Bühne entscheiden, wäre die Schweiz um einen grossen Schauspieler ärmer.

Ruedi Walter mit seiner langjährigen Bühnenpartnerin Margrit Rainer.

Bildlegende: Ruedi Walter mit seiner langjährigen Bühnenpartnerin Margrit Rainer. Keystone

4. Margrit Rainer

«Margrit Rainer hatte, ohne sich gross anzustrengen, so viel Ausstrahlung und Ausdruck. Und von dem habe ich gelernt. Ich lerne sogar heute noch von ihr.» Das sagte Ruedi Walter in einem TV-Interview von 1981, ein Jahr vor dem Tod seiner langjährigen Bühnenpartnerin.

Margrit Rainer und er waren ein unzertrennliches Kabarett- und Schauspielduo. Einer ihrer grössten Erfolge war die Radiosendung «Spalenberg 77a». Ende der 50er-Jahre hörte ihnen Samstagmittags die halbe Schweiz zu.

5. Der legendäre Bauer Heiri

Die Rolle seines Lebens fand Ruedi Walter im Musical «Die kleine Niederdorfoper», das an Silvester 1951 in Zürich uraufgeführt wurde. Ruedi Walter spielte den Kleinbauern Heiri, der ein Kalb verkauft und das Geld in der Stadt verpulvert. Das Musical wurde bis 1989 aufgeführt und zum Schweizer Klassiker. Nach 20 Jahren Pause gab es 2009 im Zürcher Bernhard-Theater eine Neuaufführung.

Ruedi Walter bei der kleinen Niederdorfoper

Bildlegende: Ruedi Walter in der Hauptrolle des Bäuerlein Heiri aus Hausen in «Die Kleinen Niederdorfoper». Keystone

6. Franz Schnyder über Ruedi Walter

Ruedi Walters schauspielerisches Talent war in der Film- und Theater Branche hoch angesehen. So sagte Franz Schnyder, der Regisseur von «Anne Bäbi Jowäger», über ihn: «Das Erstaunliche an Ruedi Walter ist, wie vollständig er sich mit einer Figur identifizieren kann. Er schlüpft ganz in die Haut des Menschen, den er spielt und trifft genau den Ton, der zu diesem gehört. Darum spricht er auch berndeutsch wie ein Berner und Zürichdeutsch wie ein Zürcher.»

7. Der Volksschauspieler

Seinen Ruf als Volksschauspieler erwarb sich Ruedi Walter unter anderem durch die Musicals «Die kleine Niederdorfoper»,«Eusi chlii Stadt» und «Bibi Balu».

Heute wird der Begriff «Volksschauspieler» mehr mit ländlichem Amateur-Theater und veralteten Schenkelklopfer-Witzen verbunden. Doch zu Ruedi Walters Glanzzeiten galten Volksschauspieler als solche, die nicht hochnäsig von der Bühne auf ihr Publikum herab blickten.

Ohne Starallüren spiegelten sie den Alltag, die Wünsche und die Sehnsüchte des Volkes wider. Kurz vor seinem Tod sagte Ruedi Walter in einem Interview: «Ein Volksschauspieler zu sein, ist eine grosse Ehre für mich. Das bedeutet mir wahnsinnig viel. Ein Volksschauspieler ist ein Schauspieler, der dem Volk gehört. Einer, den das Volk akzeptiert als einen der seinen.»

8. Ruedi Walter und der Ernst des Lebens

Am meisten Erfolg hatte Ruedi Walter als Komiker und Kabarettist. Es freute ihn, die Leute zum Lachen zu bringen, aber es war ihm auch wichtig, die Leute zum Nachdenken anzuregen. In einem TV-Interview von 1981 sagte er: «Man meint von einem Clown und Komiker oft, dass sie im Leben immer nur die heiteren Seiten sehen und immer nur lachen. Das probiere ich privat zwar auch, aber die Realität sieht anders aus. Auch ich kann nicht immer als Clown durchs Leben gehen.»

9. Die Ruedi-Walter-Strasse

Ruedi Walter stand bis zu seinem Tod auf der Bühne und vor der Kamera. Er war 73 Jahre alt und fast blind als er 1990 in Folge von Komplikationen bei einer Knie-Operation starb. Ruedi Walter hatte sich mit gut 500 Charakteren in Bild und Ton verewigt. Und seit 2003 auch auf der Strassenkarte.

Im Zürcher Seebachquartier gibt es offiziell die Ruedi-Walter-Strasse. Gleich nebendran verläuft die Margrit-Rainer-Strasse.

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