Schweizer Filmpreis «Ich würde mit Vodka feiern – und Küssen für alle»

Tobias Nölle erzählt in seinem Film «Aloys» von einer Telefonbeziehung, die ins Mysteriöse kippt. Beim Schweizer Filmpreis wird er einen kippen, wenn er gewinnt.

Filmregisseur Tobias Nölle.

Bildlegende: Er habe eine Vorliebe für sympathische Eremiten wie «Aloys», sagt Regisseur Tobias Nölle. Keystone

SRF: Welche Lektion erteilt Ihnen das Leben gerade?

Tobias Nölle: Dass unsere Fantasie, unser Geist unser grösstes Gut ist, vor allem in schwierigen Zeiten. Mit «Aloys» wollte ich eine Hymne an die Fantasie erzählen. Was ist dank ihr möglich und wo ist die Grenze zum Wahnsinn?

Der Hauptdarsteller Aloys muss sich entscheiden: Bleibe ich in meiner Fantasie und erlebe die Liebe als Projektion oder gehe ich in die Realität? Aloys wählt die Realität, aber ich hoffe er bewahrt dabei seine inneren Träume, Sehnsüchte und Fantasien.

«  Mit ‹Aloys› wollte ich eine Hymne an die Fantasie erzählen.  »

Was von Ihnen selber findet man in «Aloys»?

Freunde sagen: der trockene Humor, die Poesie und die Kauzigkeit. Formal die Obsession, Emotionen in Bilder zu übertragen. Und die Hauptfigur: Ich mag Menschen, die kantig sind und in einem eigenen Universum leben, fernab der Norm. Sympathische Eremiten.

Was war das grösste Risiko, das Sie bei diesem Projekt eingegangen sind?

Das ganze Projekt war ein grosses Risiko, weil es extrem auf Atmosphäre basiert. Das ist etwas nicht Greifbares. Da ist kein Plot, den man rüberbringen muss, es ist vielmehr ein Traum, den man in Bilder übersetzen muss.

Bei einem solchen Projekt kann man bis zum Schluss nicht sagen, ob das funktioniert oder ob man komplett scheitert. Wenn man Glück hat, dann kann etwas Eigenständiges entstehen, das anderen eine neue Sicht auf etwas eröffnet. Das ist mein Ziel.

Georg Friedrich in «Aloys».

Bildlegende: Eine kauzige Hymne an die Fantasie: Georg Friedrich in «Aloys». Hugofilm/ Simon Guy Fässler

Was war die schwierigste Entscheidung, die Sie bei diesem Film treffen mussten?

Der Schluss des Films. Das ursprüngliche Ende war zu sentimental. Durch einen glücklichen Zufall konnte ich es korrigieren. Der Hauptdarsteller Georg Friedrich hatte eine geschwollene Backe wegen Zahnschmerzen. Den Drehtag haben wir von der Versicherung zurückerstattet bekommen. Die finale Szene im Krankenhaus habe ich in diesen Nachdreh reingeschmuggelt.

«  Die finale Szene habe ich erst beim Nachdreh reingeschmuggelt.  »

Dieses Ende ist für einige Zuschauer klar und hoffnungsvoll, andere sind sich nicht ganz sicher, ob es im Kopf spielt oder in der Realität. Ich mag beide Reaktionen, die optimistische und die skeptische.

Weshalb die Ambivalenz?

Die Annäherung zweier Menschen, die sich durch ihre Vorstellung kennenlernen, steht im Zentrum dieses Filmes. Und darum geht’s in jeder Beziehung: Wie geht man mit der Projektion um, und was ist in der Realität da? Wie schafft man es, die Romantik in die Realität zu übersetzen?

Ist während der Dreharbeiten etwas passiert, mit dem Sie nicht gerechnet hätten?

An jedem Drehtag passierten unerwartete Dinge. Aber darin zeigt sich oft das Magische. Den Schauspielern habe ich darum auch gesagt: Das grösste Geschenk, das ihr mir geben könnt, sind Fehler. Ich will, dass in den Szenen etwas passiert, das aus dem Instinkt heraus entsteht. Das ist meist besser, als ich es jemals schreiben könnte.

Was wünschen Sie sich für die Schweizer Filmlandschaft?

Dass mehr Filme entstehen, denen man ansieht, dass sie ein Risiko eingegangen sind und nicht mit dem Wissen gedreht wurden, dass sie im Kino funktionieren. Je näher junge Regisseurinnen bei ihrer eigenen Stimme bleiben, desto eher entsteht etwas Originelles.

Ich liebe Filmemacher, bei denen ich denke: Wow, der sieht die Welt anders als ich. Die Schweiz braucht exzessive Filmemacher bei deren Filmen man eine Dringlichkeit spürt.

«  Ich habe jetzt Lust auf Action. Action mit Poesie. »

Was werden Sie bei Ihrem nächsten Film sicherlich anders machen?

Mein nächster Film wird ein poetischer Actionthriller, der mehr auf Plot als Atmosphäre basiert. Bei «Aloys» haben wir über die Konsistenz jedes Wassertropfens diskutiert, jeden Millimeter der Tapeten besprochen, jeden Farbton minutiös ausgewählt, alles um die Atmosphäre möglichst nahe an die Vision zu bringen. Das ist anstrengend. Ich habe jetzt Lust auf Action. Action mit Poesie. Ob das geht, wird sich zeigen.

Was bedeutet Ihnen der Schweizer Filmpreis?

Dass die Schweizer Filmbranche meine seltsamen Filme schätzt, bedeutet mir sehr viel. Klar ist ein Erfolg im Ausland toll – aber zu Hause will man verstanden werden, sonst fühlt man sich fremd. Ich bin sehr dankbar.

Wie werden Sie in Genf feiern, wenn Sie den Schweizer Filmpreis nach Hause nehmen können?

Mit Vodka. Und Küssen für alle.

Das Gespräch führte Ana Matijašević.

Zur Person

Tobias Nölle ist 1976 in Erlenbach geboren. Er studierte Film an der New Yorker School of Visual Arts und arbeitet seit 2003 als freischaffender Regisseur und Cutter. Im «Panorama» der Berlinale gewann er mit «Aloys» den Kritikerpreis.

Nachgefragt

Wir haben die Regisseurin und die Regisseure getroffen, die mit ihren neuen Spielfilmen für den Schweizer Filmpreis nominiert sind.

Filmpreis bei SRF

Die Preisverleihung am 24. März 2017 in Genf gibt's ab 19:30 Uhr im Live-Stream auf www.srf.ch. Die anschliessende Aftershow «Der Schweizer Filmpreis – Die Gewinner» ist ab 22:05 Uhr live im Netz und auf SRF 2 zu sehen. News, Hintergründe und Interviews finden Sie im Filmpreis-Special.