«Nichts passiert»-Regisseur: «Kein Film für einen netten Abend»

Im Film «Nichts passiert» verstrickt sich ein netter Mann und Familienvater in ein Lügennetz der Superlative. Seine Harmoniesucht führt ihn auf direktem Weg in die Katastrophe. Doch hätten andere in der Situation besser gehandelt? Regisseur Micha Lewinsky ist sich da nicht so sicher.

Micha Lewinsky, an eine Tür lehnend.

Bildlegende: Verhandelt grosse Fragen in einer kleinen Ferienhütte: Micha Lewinsky. SRF / Julian Salinas

Ihr Film «Nichts passiert» handelt von der Schwierigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen, von Harmoniesucht und Verantwortung. Was fasziniert Sie an diesen Themen?

Bei der Planung eines Films suche ich immer nach einem interessanten Dilemma. Ob ich nun gerade ein Drama oder eine Komödie drehe: Ich möchte immer eine Figur zeigen, die in einer schwierigen Situation gefangen ist. «Nichts passiert» folgt auch unsympathischen Figuren. Das finde ich interessant. Man kriegt Verständnis für etwas, was man eigentlich ablehnt. Man geht ins Kino in der Überzeugung, ein guter, moralisch integrer Mensch zu sein. Und kommt heraus und fragt sich, ob man selber nicht auch feige gewesen wäre.

Wie sind Sie zu diesem Projekt gekommen?

Ich weiss nicht, wie die Geschichten zu mir gelangen. Interessant finde ich eher die Frage, wieso sie bei mir bleiben. Jeden Tag fällt mir eine Geschichte ein, die meisten davon vergesse ich aber wieder.

«Nichts passiert» ist über mehrere Jahre bei mir geblieben. Weil es darin um etwas geht. In einer ganz kleinen Ferienhütte werden ganz grosse Fragen verhandelt: Wann wird man vom Mitwisser zum Täter? An welchem Punkt macht man sich schuldig durch Nichtstun? Und wo stossen wir in unserem eigenen Leben an diese Grenze? Diese Fragen betreffen uns alle täglich.

Ist während der Dreharbeiten etwas passiert, mit dem Sie nicht gerechnet hätten?

Ein Dreh ist immer voller Überraschungen! Bei «Nichts passiert» haben wir uns wohl am meisten übers Wetter unterhalten. Es hatte wenig Schnee in dem Winter, für eine glaubhafte Darstellung von Skiferien haben wir aber sehr viel gebraucht.

Welche Reaktionen haben Sie auf den Film erhalten?

Extrem unterschiedliche – von Begeisterung über Wut bis Betroffenheit war alles dabei. Der Film ist keiner, mit dem man sich einen netten Abend machen kann und ihn danach gleich wieder vergisst. Er wirkt nach, das war meine Absicht.

Was wünschen Sie sich für die Schweizer Filmlandschaft?

Ein Publikum, das den Schweizer Filmen eine Chance gibt. Denn es gibt wirklich tolle Schweizer Filme, gerade in diesem Jahr. Da sie so unterschiedlich sind, ist für jeden etwas dabei.

Was bedeutet der Schweizer Filmpreis für Sie?

Mein allererster Film erhielt direkt den Schweizer Filmpreis, deswegen dachte ich damals, das sei normal! Während der letzten sieben Jahre hatte ich jedoch keine einfache Zeit. Ich habe an verschiedenen Projekten gearbeitet, aus denen nichts geworden ist.

Inzwischen bin ich dankbar dafür, dass ich «Nichts passiert» überhaupt fertigstellen konnte. Natürlich würde ich mich über jeden Preis wahnsinnig freuen. Aber am wichtigsten ist mir, dass sich möglichst viele Leute den Film anschauen.

Zur Person

Mit seinem Spielfilmdebüt «Der Freund» gewann Micha Lewinksy (*1972) den Schweizer Filmpreis 2008. Er ist der Sohn von Drehbuchautor und Schriftsteller Charles Lewinsky und hat unter anderem die Drehbücher für Schweizer Erfolgsproduktionen wie «Sternenberg» (2004) oder «Little Girl Blue» (2003) verfasst.

Sechs Fragen an ...

Wir haben die Regisseure getroffen, die in der Kategorie «Bester Spielfilm» für den CH-Filmpreis nominiert waren.

Filmpreis bei SRF

Die Preisverleihung am 24. März 2017 in Genf gibt's ab 19:30 Uhr im Live-Stream auf www.srf.ch. Die anschliessende Aftershow «Der Schweizer Filmpreis – Die Gewinner» ist ab 22:05 Uhr live im Netz und auf SRF 2 zu sehen. News, Hintergründe und Interviews finden Sie im Filmpreis-Special.