Schweizer Filmpreis: Schwul gewinnt

Fünf Nominationen für «Chrieg», ebenso viele für «Der Kreis», vier für «Dora – oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern». Drei Favoriten – gewonnen hat nur einer: «Der Kreis». Regisseur Stefan Haupt überzeugte die Akademie mit seiner Doku-Fiktion über die Schwulenbewegung der 1950er-Jahre.

Er nahm den Preis entgegen wie ein Routinier. Denn bereits 2001 gewann Stefan Haupt den Schweizer Filmpreis. Damals für den Spielfilm «Utopia Blues». Es war sein Debüt im Fach Fiktion. Und das macht die Niederlage für seinen Konkurrenten Simon Jaquemet vielleicht noch bitterer. Denn er galt mit seinem Erstling «Chrieg» in der Presse bereits als Gewinner. Dem Filmpreisglück für den 1978 in Zürich geborenen Jaquemet machte die Akademie jedoch einen Strich durch die Rechnung.

Ungestüm siegt gegen konservativ

Unterschiedlicher konnten die Favoriten mit den meisten Nominationen kaum sein. Auf der einen Seite das ungestüme Debüt «Chrieg», das schwererziehbaren Jugendlichen auf eine abgeschiedene Alp folgt. Auf der anderen Seite die konservativ gestaltete Dokufiktion über die legendäre Untergrundorganisation «Der Kreis».

Ende der 1950er-Jahre lernen sich Ernst Ostertag und Röbi Rapp in der Homosexuellen-Szene kennen und werden als Liebespaar Zeugen, wie die damals weltweit einzigartige Zürcher Schwulenbewegung angesichts von Repressionen seitens der Polizei und der Gesellschaft zerbricht. Haupt verwendet gespielte Szenen ebenso wie Interviewsequenzen mit den noch heute zusammenlebenden Protagonisten. Röbi und Ostertag gehören bis jetzt zur hiesigen Prominenz – allein, weil sie die ersten Homosexuellen der Schweiz waren, die sich behördlich als Paar registrieren liessen.

Haupt macht seinen Job solid, dabei aber auch ermüdend brav. Die Akademie dankte ihm die konventionelle Umsetzung mit weiteren Preisen für seine Ko-Autoren für das beste Drehbuch, für seinen Hauptdarsteller Sven Schelker und seinen Nebendarsteller Peter Jecklin. Immerhin, bei der besten Kamera machte «Chrieg» das Rennen. Belohnt wurde dadurch allerdings auch ein bereits Geehrter: Lorenz Merz, der den Preis in der gleichen Kategorie bereits 2011 für «Summer Games» abholte und 2009 in der Rolle als Regisseur für den Besten Kurzfilm.

Die Akzeptanz der Homosexualität als Thema

Ein weiterer Gewinner dieses Abends ist Marcel Gisler, noch ein alter Filmhase. Er nahm den Preis «Bester Dokumentarfilm» für «Electroboy» entgegen. Und sein Schnittmeister Thomas Bachmann durfte die Trophäe ebenfalls abholen. Zwar kann der 1960 geborene Gisler nicht mit einer gleich starken Filmografie aufwarten wie sein Preiskollege Haupt.

Und doch weisen beide einige Parallelen auf: Sie vertreten die gleiche Generation Filmemacher, gewannen beide schon einmal den Schweizer Filmpreis (Gisler für «F. est un salaud») und beide widmen sich heuer, wenn auch auf sehr unterschiedlichen Wegen, dem gleichen Thema: der Akzeptanz von Homosexualität. Ein Gradmesser für Befindlichkeiten? Zufall? Feststellen lässt sich immerhin, dass es beinahe allen nominierten Filmen gelingt, sehr persönliche Geschichten in einen gesellschaftlich relevanten Kontext zu setzen. Bei aller Privatheit schwingt die politische Dimension mit.

Eine Frau gewinnt – in einer Frauenkategorie

Und noch etwas fiel an diesem Abend auf: Der Schweizer Filmpreis gestaltete sich zunehmend als Männerabend. Nur eine einzige Frau wurde als Filmpreisträgerin auf die Bühne gebeten. Sabine Timoteo beeindruckte die Akademie mit ihrem Spiel in «Driften». Sie gewann zum dritten Mal – naturgemäss ohne männliche Konkurrenz – den Preis für die beste weibliche Hauptrolle. Auch ein Zufall? In jedem Fall bemerkenswert.

Die Gewinner des Schweizer Filmpreis 2015

Bester Spielfim
Der Kreis*
Beste DarstellerinSabine Timoteo (Driften)
Bester Darsteller
Sven Schelker (Der Kreis*)
Beste Darstellung in einer NebenrollePeter Jecklin (Der Kreis*)
Bestes DrehbuchDer Kreis*
Bester DokumentarfilmElectroboy*
Bester KurzfilmDiscipline**
Bester AnimationsfilmTimber*
Beste FilmmusikPause*** (Mathieu Urfer, Marcin de Morsier, John Woolloff, Ariel Garcia)
Beste KameraChrieg* (Lorenz Merz)
Beste MontageElectroboy* (Thomas Bachmann)

* SRF-Koproduktion
** RTS-Koproduktion
*** RSI-Koproduktion

Sendehinweis

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Die Sondersendung «Der Schweizer Filmpreis – Die Gewinner» wird am Samstag, den 14.3.2015, um 10:50 Uhr auf SRF 1 wiederholt.